2. Wissenschaftsphilosophische Wegweisung zur guten Wissenschaft

Die Frage nach einer guten Wissenschaft ist direkt verknüpft mit zwei Fragen: Einerseits steht in Frage, was Wissenschaft über die Welt aussagt bzw. aussagen kann. Andererseits muss geklärt werden, was und wie Wissenschaft sein muss und kann, um gut zu sein. In guter Wissenschaft müssen beide Fragenkomplexe, der wissenschaftstheoretische und der wissenschaftsethische, verbunden werden. Das betrifft nicht nur wissenschaftliche Inhalte und Gütekriterien der Ergebnisse, sondern ebenso die Konzeption und Struktur der Wissenschaft. Darüber hinaus ist fraglich, ob man „gute Wissenschaft“ rein ideell als theoretisches und statisches Konzept fassen kann – oder ob nicht die explizite und dynamische Anbindung an die existierende Wissenschaftslandschaft für eine aktuelle Praxis hin zu guter Wissenschaft mitgedacht werden muss.
Dieses Kapitel stellt eine wissenschaftsphilosophische Sichtweise auf diese Fragen vor, die komplementär zur Reflexion der ethischen Aspekte (→ Ethik) das Feld der guten Wissenschaft aufspannen soll. In Rückbezug auf etablierte wissenschaftsphilosophische Konzepte wird dargelegt, dass ein selbst-reflexiver und diskursiver Umgang mit Wissen und Wissenschaft notwendig ist. Die wissenschaftlich-technische Gestaltung der Welt ist unabdingbar verbunden mit einer Verantwortlichkeit jeder handelnden Person. Zusammenfassend werden drei Empfehlungen zur Struktur und Dynamik einer guten Wissenschaft aufgeführt.

2.1   Methoden als Angelpunkt empirischer Wissenschaft

Die konventionelle Sicht auf empirische Wissenschaften und ihren Forschungsprozess stellt das direkte Zusammenspiel von Experiment und theoretischer Hypothese ins Zentrum. Ein Experiment wird dabei als ein Vorgang verstanden, der durch die verwendete Methode eine intersubjektive Übertragbarkeit der Ergebnisse sichert, damit die Gültigkeit der Resultate begründet und schließlich die Realität der Welt repräsentiert. Die philosophischen Grundannahmen dieses Verständnisses, so vertreten unter anderem durch positivistische Strömungen und den kritischen Rationalismus, sind jedoch umstritten. Insbesondere der universelle Gültigkeitsanspruch von Theorien, die „Objektivität“ von Methoden und die Annahme des Realismus der empirischen Tatbestände benötigen eine kritische Evaluation.

Betrachtet man das empirische Vorgehen  genauer, so fallen Aspekte des Erkenntnisprozesses ins Auge, die den Forschungsprozess und seine Resultate entscheidend mitbestimmen. Den Forschenden stellen sich diese Aspekte als ein dingliches Gegenüber dar, das einen Eigensinn und eine Eigenständigkeit des Experiments gegenüber theoretischen Erwartungshaltungen produziert [2]. So besteht experimentelles Handeln zu großen Teilen daraus, Störungen auszuschließen und Labor- und Umweltbedingungen so zu kontrollieren, dass Phänomene stabilisiert werden können. Der anschließende Vergleich dieser Phänomene mit Theorien verläuft ebenfalls nicht unmittelbar, sondern mit Hilfe von Modellen als weiteren Verbindungsobjekten im Erkenntnisprozess [3]. Als ein Anschauungsbeispiel kann ein Laborexperiment zum Lernverhalten der Ratte herangezogen werden: Dabei wird das Lernen und das komplexe Lebewesen Ratte mit wenigen wohldefinierten und messbaren Parametern charakterisiert. Können diese Parameter in einer entsprechend kontrollierten Umgebung signifikant vermessen werden, stellt der Vergleich mit dem auf diesen Parametern aufbauenden Modell des Lernens den entscheidenden Schluss des Experiments dar.

Dieses Vorgehen vernachlässigt jedoch sowohl andere Aspekte des Lernverhaltens als auch beispielsweise die Frage, ob eine vielfältigere Umgebung nicht zu anderen Ergebnissen führen würde. Empirische Wissenschaft kann somit nicht zu einer theoretischen Beschreibung der Welt in ihrer Gesamtheit führen, da untersuchte Phänomene künstlich gestaltete, herausgehobene Ausschnitte der Welt und Modelle abgeleitete Aspekte der Theorie sind. Auch Computersimulationen und integrative Modellierungen, die darauf abzielen, eine größere Zahl an Parametern einzubeziehen und damit Komplexität abzubilden, können dieses Problem keineswegs entschärfen; sie bieten nur eine erweiterte und detailliertere Form der Modellbildung, die aber konstruktions- und kontextbedingt immer auch Aspekte vernachlässigt [4, 5].

Darüber hinaus orientiert sich experimentelles Vorgehen in erster Linie nicht an theoretischen Erwartungen, sondern an den methodischen und technischen Möglichkeiten, sich experimentell neuen Phänomenen zu nähern. In der Folge können stabilisierte Phänomene wieder als technische Bedingungen dienen, um weitergehendes Experimentieren zu ermöglichen [6]. Ein Beispiel dafür ist die Minimalzelle in der Synthetischen Biologie: Die aktuelle Forschung arbeitet mit etablierten molekularbiologischen Methoden daran, eine funktionstüchtige Zelle mit einem minimalen Satz an Genen und Stoffwechselwegen reproduzierbar herzustellen. Sobald eine Minimal­zelle etabliert wäre, würde sie ihrerseits als Basismodul synthetischer Zellen fungieren, also die methodische Grundbedingung für weitergehende Forschungsziele und Technologien darstellen.

Zwei Gegenpole stehen hier im Wechselspiel und stellen den produktiven Motor experimentellen Handelns dar: das „epistemische Ding“ als das noch undeterminierte Zielobjekt der Erkenntnis sowie methodische, technische Bedingungen, unter denen sich „epistemische Dinge“ realisieren lassen [6]. Theorien und „Naturgesetze“ hingegen erweisen sich in diesem Rahmen zwar als hilfreiche, aber lediglich orientierungsweisende Forschungsprinzipien zum Umgang mit Störungen experimentellen Gelingens – und nicht als absolut wahre Aussagen über die Natur [7].

2.2   Methoden als Verbindungspunkt von Wissenschaft und Technik

Die Einsicht, dass methodisches Vorgehen die Objekte der Erkenntnis gestaltet, ist zentraler Punkt der philosophischen Theorie des methodischen Konstruktivismus, der als geeigneter Rahmen für die Anbindung von Wissenschaft an gesellschaftliche und ethische Diskurse dienen kann. Der Erfolg einer konkreten, methodisch-verfas­sten Handlung widerfährt der handelnden Person – und diese Erfahrung, welche Methode erfolgreich ist, ist Grundmerkmal empirisch gewonnener Erkenntnis. Der Erfolg einer Methode kann allerdings nur an vorher definierten Zielen und Zwecken bemessen werden; das Erkenntnisinteresse als Leitidee experimenteller Arbeit hat somit einen teleologischen („zielbezogenen“) Aspekt, der zu reflektieren ist [8].

Die Notwendigkeit dieser Reflexion wird noch deutlicher, wenn einbezogen wird, dass empirische Methoden nicht allein der Erkenntnis dienen, sondern durch ihre konstruktive Rolle einen explizit technischen Aspekt in sich tragen. Die Technik baut also nicht auf der Wissenschaft auf, sondern ist direkt in den Forschungsprozess eingewoben. Technisierung und Verwissenschaftlichung erzeugen im Wechselspiel eine Welt, die unter dem gestaltenden Zugriff des Menschen steht, sowohl durch technische Konstruktion als auch kognitives Verständnis [9, 10].

2.3   Methoden als Reflexionspunkt im gesellschaftlichen Diskurs über Wissen

Die Freiheit der Menschen zur Perspektiven- und Zielsetzung ist Spiegelbild der Undeterminiertheit der Welt jenseits des rein methodischen Zugriffs, nämlich im Hinblick auf Deutungen und damit verbundene teleologische Fragen [9]. Welche Methoden als erfolgreich angesehen werden und welche Qualität von Objekten als realisierbar und wünschenswert angesehen wird, bedeutet eine aktive Entscheidung zur Gestaltung der Welt. Eine universelle Methode als objektive Sicht der Welt scheitert also an den Begrenzungen des methodischen Kontexts, insbesondere daran, dass die Ziele, die mit jeder Methode implizit vorausgesetzt werden, nicht als absolut gesetzt werden können. Der Pluralismus von Sichtweisen auf lebensweltliche Fragen ist also mit einem Methodenpluralismus verbunden, der – um Deutungsfragen ergänzt – weniger eine gestaltete als eine zu gestaltende Welt in Komplexität und Unsicherheit kennzeichnet.

Die Macht, über die Welt zu verfügen, die mit jeder Methode einhergeht, wird so explizit relativiert durch die Verantwortung, die mit der Zielvorstellung einhergeht. Methodizität als charakteristisches Merkmal empirischer Wissenschaft steht einem anderen Grundelement von Wissenschaft gegenüber, der Untersuchung von Bedeutung und Begründung. In vielen Teilgebieten der modernen Lebenswissenschaften, angefangen bei der Synthetischen Biologie über Fragen des Umgangs mit Neuro-Enhancement bis hin zur (Nano-)Robotik, lässt sich dieses Muster auffinden: Parallel zur rasanten und vielversprechenden Entwicklung von technischen Methoden wird berechtigterweise und mit zunehmender Vehemenz eine Reflexion und verantwortliche Einbettung der Technologieentwicklung in das Lebensumfeld gefordert.

Ein weiterer Aspekt kommt aber noch hinzu: Jede Disziplin und jede/r Forschende nimmt nur eine partielle Perspektive auf die Welt ein, generiert ein situiertes Wissen, das sich am Entstehungskontext ausrichtet und das zudem stark von der gesellschaftlichen Rolle und Sozialisation der Forschenden geprägt wurde. Die verschiedenen Wissensformen sind somit zwar in ihrer qualitativen Ausgestaltung unterschiedlich – beispielsweise methodisch-verfasst oder bedeutungszuschreibend – jedoch in ihrer erkenntnistheoretischen Wertigkeit gleichrangig. Ein Diskurs über Wissen kann also nur erfolgreich verlaufen, wenn einerseits die jeweils einzigartigen und relevanten Sichtweisen produktiv eingebracht werden können und andererseits diese vor ihrem Entstehungskontext reflektiert und im Anwendungskontext evaluiert werden. Der Diskurs selbst stellt dabei keine neue Methode, keine neue Metadisziplin dar – vielmehr wirkt er als ein „undiszipliniertes“ Element der Wissenschaft [5, 10–12].

Soll eine lebensweltliche Frage in ihrer komplexen Gesamtheit bearbeitet werden, müssen zudem die Perspektiven der wissenschaftlichen Disziplinen durch die Berücksichtigung nicht-wissenschaftlicher Wissensbestände (sogenanntes Laienwissen) ergänzt und somit ein breites, transdisziplinäres Feld von Wissensformen integriert werden. Das Ziel der Wissensproduktion besteht in einem solchen Prozess nicht mehr in der Generierung von kontextfrei gültigem, reduktionistisch erworbenem Wissen, sondern in der Produktion von sozial robustem Wissen, das in seinem Kontext allseitig geprüft wurde. Diese Form von Wissensproduktion im gesellschaftlichen Handlungskontext, die sogenannte Modus 2-Wissenschaft [13], bringt neue Herausforderungen für Vorstellungen „guter“ Wissenschaft in verschiedenen Bereichen wie der Kommerzialisierung von Erkenntnis [→ Kommerzialisierung], der Frage der Expertise [→ Expertise] und der Kommunikation von Wissenschaft [→ Hype] mit sich. In Fragen wie beispielsweise der Individual- und Intensivmedizin oder der Bewertung von Klima- oder Technikfolgen sind Prozesse partizipativer und kontextualisierter Wissensgenerierung unabdingbar, um einerseits abstrakte Aussagen auf den konkreten Kontext und das Lebensumfeld übertragbar zu gestalten, und andererseits umfassende Problemanalysen durch den Einbezug persönlicher Erfahrungen und Befürchtungen überhaupt erst möglich zu machen.

2.4   Fazit: Empfehlungen für Strukturelemente guter Wissenschaft

Die vorgestellte wissenschaftsphilosophische Sicht zusammenfassend, können drei Empfehlungen für eine gute Wissenschaft formuliert werden:

1. Jede Wissenschaft und jeder Forschende muss sich über den relativen Status und Gültigkeitsbereich der eigenen Aussagen bewusst sein, insbesondere auch über deren gestaltende Wirkung durch Konstruktion und Deutung der Welt sowie die daraus erwachsende Verantwortung.

2. Wissenschaft und Technik müssen gemeinsam und parallel als ein zielbezogenes Handlungskonzept reflektiert werden, also nicht sequenziell zuerst im Rahmen einer Ethik des Forschungsprozesses und nachfolgend als Technikfolgenabschätzung.

3. Ein Methodenpluralismus sowie inter- und transdisziplinäre Forschungsprozesse und Diskursformen über Wissensbestände und -gültigkeiten müssen als erkenntnis­theoretisch notwendige Strukturelemente der Wissenschaft anerkannt und ausgebaut werden, um eine gesellschaftlich legitimierte Entscheidungsfindung in einer Welt der Komplexität und Unsicherheit zu ermöglichen.

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