8. Kommerzialisierung

Die ökonomische Verwertung von Forschungsergebnissen ist kein neues Phänomen, auch Verbindungen zwischen Wissenschaft und Industrie gibt es seit Langem – man denke etwa an die „Erfinder-Unternehmer“ Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine industrielle Vermarktung ihrer Forschungen und Entdeckungen aktiv forcierten: Robert Bosch, Werner von Siemens oder Fritz Haber. Als heutige Pendants könnten Bill Gates oder auch Craig Venter genannt werden.

Was die gegenwärtige Epoche der Kommerzialisierung von Wissenschaft jedoch von den vorherigen unterscheidet, ist die starke „Systematisierung der wirtschaftlichen Verwertung neuen Wissens […] durch die Sicherung intellektueller Eigentumsrechte an von Universitäten produziertem Wissen in Form von Patenten“ [88]. Universitäten orientieren sich in ihrer Ausrichtung zunehmend stärker am Markt der Möglichkeiten und werden sogar selbst zu Unternehmen bzw. „unternehmerischen Universitäten“ umgebaut. Dies kann sich zielverschiebend auf die intrinsischen Werte der Wissenschaftsgemeinschaft auswirken [89].

Diese Entwicklung wurde in den vergangenen Jahrzehnten einerseits politisch forciert, andererseits auch durch mehrere Grundsatzurteile juristisch abgesichert. Eine entscheidende politische Wegmarke zu dieser Entwicklung war der Bayh-Dole Act von 1980, der US-amerikanischen Universitäten erstmals die Patentierung von staatlich finanzierten Forschungsleistungen ermöglichte. Hierzulande sorgte dann die Abschaffung des Hochschullehrerprivilegs 2002 dafür, dass die Ergebnisse nicht länger von den ProfessorInnen selbst, sondern von der Universität als Institution ökonomisch verwertet werden konnten. Als Folge dieser Entwicklung gilt die Forschung – auch die Grundlagenforschung – heute als ein entscheidender Standortfaktor, der die Stellung des Landes im internationalen Wettbewerb verbessern soll.

Als erstes juristisches Grundsatzurteil, das die starke Anbindung insbesondere auch der Biowissenschaften an ökonomische Verwertbarkeit möglich machte, gilt das
„Rote Taube“-Urteil, das 1969 vom Bundesgerichtshof gefällt wurde. Das Gericht stufte eine mit traditionellen Züchtungsmethoden gezüchtete Taube als „technische Erfindung“ ein; damit wurde der ursprünglich für technische Erfindungen eingeführte Patentschutz auf den Bereich der belebten Natur ausgeweitet [90]. Eine weitere zentrale Entscheidung fällte der Oberste Gerichtshof der USA 1980, als er im Fall Diamond versus Chakrabarty die Patentierbarkeit vom Menschen hergestellter leben­diger Organismen auch in den USA festsetzte [91].

Wird die deutsche Forschungslandschaft unter dem Aspekt der Forschungsfinanzierung in den Blick genommen, so zeigt sich, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten der Anteil der universitären Forschungsgelder, die aus der Wirtschaft stammen, enorm gestiegen ist: Von knapp zwei Prozent im Jahr 1981 stieg er auf acht Prozent im Jahr 1995; seit 2005 beträgt er jährlich zwischen 14 und 15 Prozent [92].

Diese Zahlen dürfen jedoch nicht über die großen Unterschiede hinwegtäuschen, die zwischen verschiedenen Universitäten und Disziplinen bestehen. Insbesondere die sogenannten Lebenswissenschaften sind aufs Engste mit der industriellen Anwendung verknüpft [93, 94]. Sie gilt als „in intimer Weise in den Kapital- und Informationsfluss eingebettet […], der den globalen Markt antreibt“ [95].

Ein konkretes Beispiel für die zunehmende Verzahnung von universitärer Forschung und industrieller Anwendung in den Lebenswissenschaften ist der iGem-Wettbe­werb, der bereits SchülerInnen und Studierende für die Synthetische Biologie begeistern soll: Hier ist die industrielle Anwendbarkeit der erzielten Ergebnisse ein entscheidendes Bewertungskriterium. Zudem können obige Zahlen nur einen Teilbereich der tatsächlichen Verbindungen zwischen Wissenschaft und Industrie abbilden, denn neben den direkten finanziellen Zuwendungen existieren auch weitere Formen der (individuellen und institutionalisierten) Zusammenarbeit, beispielsweise wenn Forschende gleichzeitig als BeraterInnen für Unternehmen arbeiten, die ihren Forschungsbereich finanziell fördern. In den USA erfüllten Ende der 1990er Jahre bereits die Hälfte der LebenswissenschaftlerInnen eine derartige Funktion [96].

Die Kommerzialisierung von Wissenschaft zeigt sich somit in zwei Richtungen: Einerseits nimmt der Anteil der privat finanzierten Forschung zu; andererseits werden auch öffentliche Forschungsgelder zunehmend nach Verwertbarkeitskriterien verteilt und die Forschungsergebnisse als geistiges Eigentum in Form von Patenten geschützt.

Wenngleich feststeht, dass die enge Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Industrie die Entstehung und Finanzierung von Innovation fördern kann, existieren doch auch Hinweise dafür, dass sie sich in problematischer Weise auf den Kern der Wissensproduktion auswirken können. Im Folgenden werden einige negative Aspekte dieser Entwicklung angesprochen.

8.1   Wem „gehören“ die Innovationen der Lebenswissenschaften?
Geistiges Eigentum in der Kritik

Unter den verschiedenen Formen des geistigen Eigentums sind Patente in den Lebenswissenschaften fast zu einem Symbol potenziell problematischer Kommerzialisierungstendenzen geworden. Sie werden sowohl akademisch als auch in der breiteren Öffentlichkeit zum Teil sehr kontrovers diskutiert, weil sich die Art der Erfindungen und ihre ökonomische Bedeutung stark gewandelt haben.

Ein Patent verleiht ein zeitlich begrenztes „Monopol“ bestimmter Kommerzialisierungsrechte im Austausch für die Garantie, dass alle für die Erfindung relevanten Informationen letztlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das klingt zunächst unkompliziert, um Innovation zu fördern, ist aber in Zeiten der Informationsökonomie und der zunehmenden Bedeutung biotechnologischer Anwendungen für die Gesamtwirtschaft auch eng mit teils umstrittenen ethischen und (forschungs-)
politischen Fragestellungen verknüpft.

In der Folge lässt sich eine Transformation des Patentrechts beobachten. Das Spek­trum dessen, was als neu, nicht offensichtlich und industriell anwendbar, kurz, als „Erfindung“ und damit patentierbar gelten kann, ist seit Ende der 1970er Jahre wesentlich erweitert worden und umfasst international so kontroverse Fälle wie die genetisch veränderte „Oncomouse“ und die Patente auf die mit Brustkrebs assoziierten Gene BRCA 1 und BRCA 2 sowie dazugehörige Diagnoseverfahren. Sukzessive hat sich die Grenze zwischen dem, was als „natürlich“ betrachtet wird, und dem, was von Menschen als kreative Leistung mit industrieller Anwendung hervorgebracht wird, verändert. Während wir hier die ethische und politische Diskussion um ein „Eigentum“ oder „Monopol“ auf Organismen und Gene nicht weiterverfolgen können, ist wichtig, dass diese Fälle für eine zunehmende Politisierung des Patentwesens, vor allem in den Lebenswissenschaften, stehen.

Grenzfälle der Patentierung haben die Frage nach dem ultimativen Zweck von Patenten auf die Agenda gebracht: Wenn ein Patent eine Form von Eigentum ist, die exklusive Verwertungsrechte mit sich bringt, wo ist dann die Grenze dessen, was auf diese Weise zur Ware werden darf, ohne zum Beispiel an die Würde des Lebens zu rühren? Vor allem aber: Selbst wenn dies unbedenklich wäre, inwieweit trägt es zu Innovation bei? Und wie stark sind Ansprüche auf Kompensation für Arbeit an und Investition in Innovation gesamtgesellschaftlich zu bewerten?

Diese Fragen der Ausbalancierung von Innovationsförderung und möglichen innovationshemmenden oder sogar die Grundrechte Anderer verletzender Patentrechte sind in den vergangenen Jahren vor allem am Beispiel von Patenten auf Medikamente, die in wenig industrialisierten Ländern dringend benötigt werden (z. B. Anti-HIV-Medi­kamente), intensiv diskutiert worden. In der Tat verpflichtet die Welthandelsorganisation (WTO) mit dem Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS, 1994) alle Mitgliedsstaaten dazu, Systeme zum Schutz geistigen Eigentums zu entwickeln und zu implementieren. Inwieweit eine globale Harmonisierung des Patentrechts – und damit der zugrunde liegenden Innovationsmodelle – wünschenswert und im Interesse aller Länder ist, ist jedoch weitestgehend unklar. Neben den Kontroversen um Patente auf Organismen und Gene besteht außerdem ein Problem darin, wie westliche Eigentumssysteme mit traditionellem Wissen, beispielsweise über indische Arzneiwirkstoffe, umgehen sollen.

Die üblichste moralische Rechtfertigung von Patentrechten beruht auf der Idee, dass diese Rechte notwendig sind, um die Hervorbringung von Innovation als öffentlichem Gut sicherzustellen. Lässt man die entscheidende Frage nach einer genaueren Definition von Innovation und Fortschritt zunächst außer Acht, bestehen darüber hinaus empirische Hinweise, dass Patente – beispielsweise im Bereich der Forschungswerkzeuge – negative Effekte auf die Verbreitung wissenschaftlich relevanter Information haben können [93]. Die „destruktive“ Seite von Patenten liegt darin, dass diese strategisch genutzt werden können, um Wettbewerb de facto zu unterbinden und neue Produkte aufzuhalten. Ein Beispiel hierfür sind sogenannte „Patent­dickichte“: eine Vielzahl überlappender Patentanmeldungen, die es erheblich erschweren können, den vorhandenen Raum für neue Forschung auszuloten [97, 98].

Die Ausweitung des überhaupt Patentierbaren und die Zunahme an Patenten in den Lebenswissenschaften kann so zu der vielzitierten „Tragedy of the Anticommons“ [99] führen: zahlreiche, teilweise konkurrierende Eigentumsrechte und -ansprüche, die effektives Informations- und Wissensmanagement behindern. Letztlich steht auf­grund dieser Entwicklungen deshalb vielleicht mehr denn je in Frage, ob und wie das Patentsystem zu wünschenswerter „Innovation“ tatsächlich beiträgt.

Verbesserungsvorschläge und Alternativen zum gegenwärtigen Patentsystem

Informationen sind gegenüber Materialgütern sehr spezielle Ressourcen: Sie müssen und können auch oft nicht durch Exklusivrechte im Warenwert erhöht werden. Im Gegenteil: Das Verbreiten und Teilen von Information bringt seine Qualität und daraus entstehendes Wissen erst hervor. Es besteht auch keine Gefahr, dass die Ressource aufgrund fehlender Exklusivrechte aufgebraucht und vernachlässigt wird, wie es die „Tragedy of the Commons“ für eine gemeinschaftlich genutzte Ressource, z. B. eine Weidefläche, annimmt [100]. Wenn wir es mit einer Informationsgesellschaft, von der WissenschaftlerInnen und Zivilgesellschaft profitieren können, ernst meinen, scheint bezüglich der Patentexpansion also eher die Gefahr einer „Tragedy of the Anticommons“ zu bestehen. Einige ForscherInnen und auch gesellschaftliche Akteure wie Nichtregierungsorganisationen diskutieren schon seit längerem Alternativen zu starken Patenten unter dem Stichwort der Gemeingüter oder „Commons“. Diese werden aller Voraussicht nach noch an Bedeutung gewinnen, wenn es noch mehr empirische Studien zu den tatsächlichen Effekten von Patenten geben wird [101].

Für das Patentsystem selbst gibt es Vorschläge neuer Regulierungsmechanismen, um die vielfältigen Interessen, die in einer globalen Wissensgesellschaft ausbalanciert werden müssen, überhaupt erst einmal thematisieren zu können. Das scheint bisher kaum möglich. Das europäische Parlament etwa forderte entsprechend sowohl die ethischen als auch die gesellschaftlichen Folgen von Patenten gerade in sensitiven Bereichen wie der Pharmaforschung, durch eine multidisziplinär besetzte Ethikabteilung beobachten zu lassen [97]. Philosophen, Politik- und Rechtswissenschaftler wie Thomas Pogge sowie Buchanan, Cole & Keohane haben bedenkenswerte Alternativen zum gegenwärtigen Patentsystem ausgearbeitet, die langfristige Effekte von neuen Medikamenten für eine gerechtere Gesundheits- und Forschungspolitik berücksichtigen sollen [102, 103]. Diese und ähnliche Vorschläge sollten unbedingt noch stärker von empirischen Studien begleitet werden. Am wichtigsten sind aber die grundlegenden innovationstheoretischen Fragestellungen, für die die skizzierten Entwicklungen nur einige Anhaltspunkte geben, und die viel breiter gesellschaftlich und akademisch diskutiert werden müssen: Welche Art von Innovation und Fortschritt soll im Interesse aller gefördert werden, und kann dies durch ein System wie das Patentsystem, das auch hohe Transaktionskosten zu verursachen scheint, überhaupt unterstützt werden?

8.2   Wie Interessenkonflikte die Wissenschaft beeinflussen

WissenschaftlerInnen begegnen in ihrem Arbeitsalltag zunehmend vielfältigen Interessenkonflikten – ob durch eine eigene Firma, im Kontakt mit PatientInnen, durch Beziehungen zur Industrie oder durch ihr persönliches Karrierestreben. Ein Interessenkonflikt besteht immer dann, wenn von verschiedenen Umständen ein bedeutsames Risiko ausgeht, dass Sekundärinteressen das professionelle Urteilsvermögen im Verhältnis zu Primärinteressen unangemessen beeinflussen [104].

So ist beispielsweise die Verzahnung zwischen Industrie und WissenschaftlerInnen an Universitäten in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer enger geworden, weil unter anderem die staatliche Forschungsförderung stark zurückgeschraubt wurde [105]. Die möglichen Verstrickungen sind denkbar vielfältig. Nicht immer ist es leicht, diese zu erkennen und ihre Tragweite zu verstehen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass allgemein nicht so offen über dieses Thema gesprochen wird oder viele sich ihrer Interessenkonflikte gar nicht bewusst sind. Sie bergen jedoch das Risiko, dass das professionelle Urteilsvermögen oder Handeln einer Person beeinflusst werden könnte. Selbst wenn sich jemand eines Interessenkonfliktes bewusst ist, lässt sich dieses Risiko nicht gänzlich ausschließen.

Interessenkonflikte zwischen WissenschaftlerInnen und ihrer Umwelt

Die häufigsten Interessenkonflikte treten auf, wenn die Forschung von der Privatwirtschaft finanziert wird. Vor allem in der medizinischen Forschung sind gegenwärtig viele Studien ohne die Beteiligung von Pharmafirmen gar nicht durchführbar. Interessenkonflikte sind in diesen Fällen vorprogrammiert. Dass sich diese auch auf die Ergebnisse der Studien auswirken, ist als funding effect bekannt: Forschungsarbeiten, die von der Industrie (mit)finanziert wurden, kommen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu dem für deren Interesse nützlichen Ergebnis [106]. Eine Umfrage unter mehreren Tausend an den US-amerikanischen National Institutes of Health angestellten WissenschaftlerInnen ergab, dass jede/r Siebte bereits das Design, die Methode oder die Ergebnisse einer Studie nach Druck durch den Geldgeber verändert hatte [107]. Ein Forscherteam um Reshma Jagsi von der University of Michigan, USA, wertete 2009 zahlreiche Krebsstudien aus, die in renommierten Zeitschriften publiziert worden waren. Bei fast jeder dritten Studie identifizierten sie einen Interessenkonflikt. Das wirklich Interessante dabei ist: Sobald Pharmafirmen direkt oder indirekt an einer Krebsstudie beteiligt waren, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Studie am Ende der zu untersuchenden Behandlungsmethode oder dem Medikament bzw. Wirkstoff einen pharmazeutischen Vorteil bescheinigte [108].

Fatalerweise wird auf Basis solcher Studien häufig entschieden, welche Medikamente oder Methoden in der Klinik angewendet werden. Die Frage ist, wie es zu den besseren Ergebnissen bei den von der Industrie finanzierten Studien kommen kann. Forschende, die von der Industrie finanziert werden, könnten beispielsweise dazu tendieren, Studien so zu gestalten, dass ein positives Ergebnis wahrscheinlicher ist. Außerdem könnten sie dazu neigen, eher positive als negative Ergebnisse zu publizieren [→ Qualitätssicherung].

Was außerdem passieren kann, wenn sich WissenschaftlerInnen nicht nach den Interessen ihrer Geldgeber richten und negative Ergebnisse veröffentlichen wollen, kann man deutlich am Fall der amerikanischen Pharmazeutin Betty Dong demonstrieren. Ihr Geldgeber – eine große Pharmafirma – versuchte mit allen Mitteln die Veröffentlichung der Ergebnisse ihrer Studie zu verhindern. Letztendlich konnten sie erst sieben Jahre später nach einer umfassenden öffentlichen Debatte publiziert werden [93].

Ein weiterer durch die Kommerzialisierung forcierter Interessenkonflikt ist jener zwischen dem wissenschaftlichen Ideal, seine Forschungsergebnisse mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu teilen, um den wissenschaftlichen Fortschritt so schnell wie möglich voranzubringen, und dem persönlichen Interesse an Karrierevorteilen und ihrerseits hohen Einkommen. So kommt es, dass WissenschaftlerInnen aus persönlichem Interesse Ergebnisse und Material nicht mit KollegInnen teilen, Veröffentlichungen verzögern und negative Ergebnisse sogar häufig gar nicht publizieren.

Die Geheimhaltung von Forschungsergebnissen ist weit verbreitet und wird auf verschiedenste Arten praktiziert. So fanden David Blumenthal, Direktor des Institute for Health Policy des Massachusetts General Hospital, und sein Kollege Eric Campbell durch eine Befragung von UniversitätswissenschaftlerInnen in den USA heraus, dass 44 Prozent der GenetikerInnen und 32 Prozent anderer LebenswissenschaftlerInnen in den vergangenen drei Jahren Informationen bewusst für sich behalten hatten. Am populärsten sei die Strategie gewesen, Forschungsergebnisse nicht oder nur verzögert zu veröffentlichen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Aber auch das Zurückhalten der eigenen Forschung auf Fachkonferenzen spielte eine große Rolle. Geheimhaltung in der Wissenschaft reduziere die Effektivität des wissenschaftlichen Fortschritts, indem sie es für KollegInnen schwieriger mache, auf gegenseitiger Arbeit aufzubauen [109].

Die Gründe für die Geheimhaltung sind vielfältig: Patente, der zusätzliche Arbeits­aufwand, die Informationen weiterzuleiten, Ideenklau oder die Angst, dass konkurrierende WissenschaftlerInnen schneller publizieren könnten. Erfährt ein Forschungs­team, das an ähnlichen Gegenständen forscht, auf einer Konferenz den Forschungsstand anderer Gruppen, kann es stillschweigend schneller vorankommen und sich einen entscheidenden Zeitvorteil verschaffen und entsprechend eher publizieren. Die Arbeit der verspäteten Forschungsgruppe ist dann plötzlich ohne Wertschätzung und Reputationsgewinn. Sie kann ihre Ergebnisse nicht mehr publizieren, hat viele Ressourcen verschwendet und bekommt nicht mehr so einfach weitere Forschungsgelder, weil sie keine Publikation vorzuweisen hat. Die größte Gefahr, die von der Ökonomisierung ausgeht, ist die strukturelle Veränderung einer „Kultur der offenen Wissenschaft“ hin zu einer „Ökonomisierung der akademischen Kommunikation“ [110].

WissenschaftlerInnen im Interessenkonflikt mit sich selbst

Der englische Physiker und Wissenschaftsphilosoph John Ziman hat darauf hingewiesen, dass die traditionelle Trennung der Wissensproduktion in eine „nicht-instrumentelle“ universitäre Wissenschaft auf der einen und eine „instrumentelle“, auf einen bestimmten Anwendungszweck ausgerichtete, Forschung auf der anderen Seite der Vergangenheit angehören. Stattdessen entwickele sich eine „post-akade­mische“ Wissenschaft, in der klare Grenzen nicht mehr einfach zu ziehen seien. Da instrumentelle Wissenschaft jedoch per Definition ausgeführt wird, um bestimmte, nicht-wissenschaftliche Ziele zu erreichen, sind Interessenkonflikte – oft in ein und derselben Person – vorprogrammiert [111].

Ein denkbares Szenario in diesem Zusammenhang ist ein Wissenschaftler, der einerseits Arzt ist und andererseits Anteile an einem Start-up oder einer Pharmafirma besitzt. Dieser Mensch trägt also drei verschiedene Brillen, durch die er die Welt sieht. Als Wissenschaftler ist er der Wahrheit verpflichtet, als Arzt dem Wohl des Patienten und als Anteilseigner der Gewinnmaximierung des Unternehmens. Doch an welchen Zielen richtet er sich aus? Welche Interessen verfolgt er? Die verschiedenen Brillen, mit denen er die Welt sieht, beeinflussen auf subtile Weise seinen Berufsalltag. Nehmen wir an, er verschreibt einem Patienten das Medikament XY von der Firma, an der er selbst Anteile besitzt. Man kann sich nun fragen, warum er ausgerechnet dieses Medikament ausgewählt hat: Ist es tatsächlich das Beste für den Patienten? Oder spielte die Gewinnbeteiligung an der Firma eine Rolle? Schon an diesem einfachen Beispiel zeigt sich, welche Bedeutung Interessenkonflikte haben, denen allein durch Appelle an die Moral von WissenschaftlerInnen schwer beizukommen sein dürfte.

Verbesserungsvorschläge

Interessenkonflikte wird es immer geben und mit zunehmender Verzahnung von Industrie und Wissenschaft wird ihre Komplexität zwangsläufig zunehmen. Um die negativen Folgen solcher Verstrickungen möglichst gering zu halten, fordern wir:

1. Interessenkonflikte müssen radikal offen gelegt werden. Nicht nur in Publikationen, sondern auch bei Vorträgen, gegenüber PatientInnen, StudienteilnehmerInnen und auf anderen Ebenen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass hiermit ein enormer bürokratischer Aufwand und eine schwer zu überblickende Informationsfülle einhergeht.

2. Gute WissenschaftlerInnen müssen sich ihre Interessenkonflikte bewusst machen und versuchen, sie so gering wie möglich zu halten. Staatliche Stellen sollten zumindest stichprobenartig Untersuchungen zu Interessenkonflikten durchführen, so dass ein gewisses Abschreckungsszenario aufgebaut werden kann.

3. Es ist eine wichtige Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus, besonders krude Interessenüberschneidungen und -konflikte öffentlich zu machen.

8.3   Prioritätensetzung in der Wissenschaft oder: Wer bestimmt was geforscht wird?

Viele Studien weisen darauf hin, dass die Kommerzialisierung von Forschung eine Prioritätenverschiebung verursacht: So wird Langzeitforschung tendenziell vernachlässigt und Forschungsgelder werden stattdessen für kurzfristig angelegte Forschungs­projekte ausgegeben, die eine schnelle Anwendbarkeit der Ergebnisse versprechen [112, 113].

Ebenso werden Forschungsansätze vernachlässigt, die nicht auf die Entwicklung eines Produkts abzielen, das mit Eigentumsrechten versehen und somit vermarktet werden kann, sondern einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Torsten Wilholt, Professor für Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften, erwähnt folgendes Beispiel aus der Medizin: Im Gegensatz zu Medikamenten, die sich einfach patentieren lassen, könnten „andere Formen therapeutisch relevanten Wissens, wie etwa Wissen über Ernährungsweisen oder Formen der Krankengymnastik, […] nicht effektiv in geistiges Eigentum verwandelt werden und sind deshalb für eine rein auf kommerzielle Interessen ausgerichtete Forschung vollkommen uninteressant“ [93].

Auch in der Brustkrebsforschung läuft die Fokussierung auf (patentierbare), mit der Entstehung von Krebs in Verbindung zu bringende, DNA-Sequenzen Gefahr, darüber hinwegzutäuschen, dass die Mehrheit der Krebsfälle nicht genetisch bedingt ist, sondern auch auf Umweltbelastungen oder falsche Ernährung zurückzuführen ist. Frauen- und Gesundheitsorganisationen wenden ein, dass daher mehr Geld auf die Erforschung und Prävention von umweltbedingten Risikofaktoren verwendet werden müsste – auch wenn sich deren Erfolg nicht direkt nach ökonomischen Kriterien messen lässt [114, 115].

Auch die Sozial- und Geisteswissenschaften sind von dieser Prioritätenverschiebung betroffen. Deren gesellschaftlicher Nutzen ist oft nicht in ökonomischen Messgrößen definierbar; gleichwohl leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung kritischen Denkens, das in einer Demokratie essenziell ist [116, 117]. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass auch eine Prioritätenverschiebung innerhalb der sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu erwarten ist, wenn sich Bewertungskriterien wie kurzfristige Ergebnisse und eine hohe Anzahl an Publikationen in internationalen Zeitschriften weiter durchsetzen. In Forschungsbereichen wie etwa der Bioethik ist teilweise eine Entwicklung auszumachen, Tempo und Art von Publikationen an die Naturwissenschaften anzulehnen, was in extremen Fällen ethische „Phantomdebatten“ befördern kann. Ein Beispiel hierfür ist die Publikationsflut zum Neuro-Enhancement, dessen realen Umsetzungsmöglichkeiten NeurowissenschaftlerInnen eher skeptisch gegenüberstehen [118] [→ Hype].

Über die Veränderungen in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung von Forschung hinaus gibt es zudem Hinweise, dass auch eine Prioritätenverschiebung in Bezug auf die wissenschaftlichen Tätigkeiten stattfindet: Insofern Patenten in Forschungsevaluationen ein erhebliches Gewicht zukommt, könnten Forschende mehr Energie für die Produktion von potenziell patentierbaren Forschungsergebnissen verwenden und dabei insbesondere die universitäre Lehre vernachlässigen [110]. Diese Entwicklung konterkariert unsere Forderung, dass die Grundlagen für gute WissenschaftlerInnen bereits in Schule und Studium gelegt werden, und dass ethische Reflexionen bereits in diesen Institutionen gefördert werden müssen [→ Bildung].

Verbesserungsvorschläge

Die genannten Beispiele veranschaulichen, dass ökonomische Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen nicht gleichbedeutend ist mit deren gesellschaftlicher Relevanz, und dass auch Forschungen, die keinen unmittelbaren Nutzen versprechen, auf lange Sicht durchaus zur nachhaltigen Lösung von Problemen beitragen.

1. Politik und Forschungsförderung müssen Aussagen in Forschungsanträgen über die Nützlichkeit und Verwertbarkeit der zu erwartenden Ergebnisse kritisch hinterfragen und diese Aussagen stärker als bisher auf ihre Plausibilität überprüfen [→ Hype].

2. Auch müssen eventuell vorhandene, aber ökonomisch uninteressantere alternative Forschungsansätze berücksichtigt werden. Ebenso halten wir problemorientierte und ganzheitliche Forschungsansätze für essenziell, die über die technisch-pragmatische Lösung von Problemen hinaus auch nach deren Ursachen fragen und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch in den Blick nehmen.

3. In diesem Sinne wäre beispielsweise auch der Innovationsbegriff kritisch zu überprüfen und dahingehend zu (re)formulieren, dass das Ziel von Innovation nicht nur Wachstum sein darf, sondern eine direktere Beziehung zu besseren Lebensbedingungen sowie zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit haben muss [119]. Ein weiteres Beispiel aus unserem Diskurs kann diesen Bedarf veranschaulichen: So ergab das Gutachten des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zum sogenannten Neuro-Enhancement, dass dieser Forschungszweig nur vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen „Leistungs(steigerungs)gesellschaft“ [120] vollständig zu verstehen ist. Die Autoren forderten daher, über die Forschung an konkreten Substanzen hinaus vor allem auch den „Umfang von und den Umgang mit Leistungsvorgaben und Leistungsanforderungen in der globalisierten Ausbildungs- und Arbeitswelt“ zum Forschungs- und Handlungsfeld zu machen [121].

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