7. Hype

Im Englischen bedeutet „to hype (up)“: mit dramatischen Methoden Interesse wecken; einfallsreich, aber auch mit fragwürdigen Methoden werben; stimulieren; erregen [73]. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort „Hype“ synonym für „Medien-Hype“ verwendet. Wir gehen allerdings davon aus, dass ein Hype auch im Umfeld der Wissenschaft seinen Ursprung nehmen kann und nicht nur ein Produkt der Massenmedien ist. Im Folgenden wird der kommunikationswissenschaftlich untersuchte und klar definierte Begriff des „Media-Hypes“ erklärt, und sich dann den Ursachen von Hypes in Wissenschaft und Wissenschaftsberichterstattung zugewandt.

7.1   Der Media-Hype

Der „Media-Hype“ wurde in der Kommunikationswissenschaft lange Zeit zwar diskutiert, war selbst aber nicht Gegenstand der Forschung [74]. Als Kennzeichen eines „Media-Hypes“ galt eine massive Berichterstattung, in deren Fokus Dringlichkeit und Relevanz eines Themas übertrieben und überbewertet wurde. Ein solcher „Media-Hype“ kann sich auf positive (z. B. Heilsversprechen durch neue Medikamente) oder negative Aspekte (Risiken neuer Medikamente, ethisch-moralische Probleme neuer Technologien) eines Themas beziehen.

Erst 2005 nahm sich der niederländische Kommunikationsforscher Peter Vasterman einer genauen Definition des Begriffes „Media-Hype“ an, um diese Form der Berichterstattung deutlich von anderen – wie der „Nachrichtenwelle“ – unterscheidbar zu machen [74]. Die Subjektivität der bis dato gültigen Media-Hype-Charakteristika „Dringlichkeit“ und „Relevanz“ wurden durch objektive Charakteristika ersetzt. Das wichtigste Kennzeichen eines Media-Hypes ist danach die Selbstgenerierung und Selbsterhaltung der Themen: Im Zuge eines echten Media-Hype werden die Medien selbst zu Akteuren und die nachfolgende Berichterstattung bezieht sich auf Reaktionen, auf die Berichterstattung selbst.

7.2   Hypes in der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation

Das traditionelle Verständnis eines Hypes bezieht sich zwar auf seine Erzeugung durch die Massenmedien, neuere Forschungen haben allerdings zeigen können, dass Hypes auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen kreiert werden.

In Wissenschaft und Wissenschaftsberichterstattung kann Hype verstanden werden als eine übertriebene Bewertung und verzerrte Darstellung von Forschung. Meist bezieht sich der Begriff Hype auf das systematische Überzeichnen positiver Aspekte, genauso können aber auch negative Aspekte übertrieben werden.

Beispiele für einen Hype wissenschaftlicher Themen sind die Berichterstattungswellen über Tiefenhirnstimulation, Neuro-Enhancement und Synthetische Biologie. Obwohl Entwicklungen wie die Lernpille (Neuro-Enhancement) oder künstliches Leben (Synthetische Biologie) noch in ferner Zukunft liegen, werden sie in einigen Medien als potenziell verfügbar beschrieben und somit als dringliches Problem dargestellt.

Damit in Zusammenhang stehende Scheindebatten können eine realistische und effektive Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen verhindern [→ Ethik]. Auch kann die Diskussion in eine technische Richtung gelenkt werden, anstatt sich mit sozialen Aspekten auseinanderzusetzen [→ Kommerzialisierung]: Beispielsweise wird in letzter Zeit viel über die technologische Machbarkeit von Pflegerobotern geschrieben, anstatt über alternative Möglichkeiten nachzudenken, dem Pflegenotstand entgegenzukommen und den Umgang mit alten Menschen in unserer Gesellschaft zu verbessern.

Insgesamt ist die unverhältnismäßige Präsenz eines Forschungsfeldes in der öffentlichen Wahrnehmung und die damit einhergehende Überbewertung keineswegs ungefährlich. Fehlverteilung von Forschungsmitteln und Ressourcen, falsche politische Entscheidungen und eine vorschnelle Einführung von Technologien können die Folgen sein. Letztlich mindert eine gehypte, verzerrte Berichterstattung das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus.

Häufig werden vor allem JournalistInnen für Hypes verantwortlich gemacht, da diese für die Öffentlichkeit vor allem in den Medien sichtbar sind. Der Jurist und Wissenschaftssoziologe Timothy Caulfield und Kollegen haben Zeitungsartikel zum Thema „Genforschung“ mit entsprechenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften verglichen [75, 76]. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass nicht nur die Massenmedien Risiken unterschlagen, sondern auch die ForscherInnen selbst die negativen Aspekte ihrer Forschung vernachlässigen [76]. Ein ähnlicher Trend wurde bei der Berichterstattung über Tiefenhirnstimulation [77] und Neuro-Enhancement [78] festgestellt.

Caulfield spricht von einer „Hype-Pipeline“ mit verschiedenen Akteuren, die sich verstärken [75]. Auf allen Stufen der Kommunikation über bestimmte Forschungsergebnisse existieren also Mechanismen, die Hype begünstigen, und Akteure, die von ihm profitieren. Tatsächlich ist ein Hype wissenschaftlicher Themen also ein Prozess, an dessen Entstehung und Verstärkung Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit allesamt beteiligt sind. Jeder der Akteure trägt zum Hype bei, und deshalb ist auch jeder für die unrealistische Darstellung mitverantwortlich.

7.3   Entstehung von Hypes in der Wissenschaft

ForscherInnen befinden sich in Konkurrenz um Mittel, Stellen und Reputation. Daraus resultiert ein Druck, die Relevanz der eigenen Arbeit innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zu belegen oder zu konstruieren.

Die Tendenz zum Hype kann grundsätzlich dort ausgemacht werden, wo für einzelne WissenschaftlerInnen, Institutionen oder Fachrichtungen ein Interesse besteht, Werbung für sich zu betreiben. Auch der zunehmende Anspruch an die Forschung, wirtschaftliche Verwertbarkeit herzustellen, kann als Ursache für Hype ausgemacht werden [→ Kommerzialisierung].

Es liegt auf der Hand, dass Hypes nicht nur in den Naturwissenschaften sondern auch in den Geisteswissenschaften entstehen können. Auch dort können Akteure von ihnen profitieren, weil so beispielsweise die eigene Arbeit relevant erscheint. Als Beispiel dafür kann Neuro-Enhancement genannt werden, zu dem Arnold Sauter, stellvertretender Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, im Diskurs sagte, es sei eine Erfindung der Bioethik [79].

Der akademische Veröffentlichungsprozess

Im akademischen Veröffentlichungsprozess ist bei vielen Forschungsdisziplinen und besonders für die Biowissenschaften das Prestige (oder der impact factor) der akademischen Zeitschrift, in dem Forschung veröffentlicht wird, von entscheidender Bedeutung für die Karrieren der beteiligten ForscherInnen [→ Qualitätssicherung]. Es kann allerdings eine Verbindung zwischen den Erfolgsaussichten, in einer renommierten Fachzeitschrift zu veröffentlichen, und übertriebenen Versprechen bezüglich Relevanz und Anwendbarkeit der Forschungsarbeit bestehen [80]. Das heißt wiederum, dass die Veranlagung zu Hypes schon in der gegenwärtigen Struktur des Wissenschaftsbetriebs verwurzelt ist.

Wissenschaft in der Öffentlichkeit

ForscherInnen können aber auch außerhalb der Wissenschaft an Hypes mitwirken, wenn sie als ExpertInnen in Medien auftreten oder beispielsweise in populärwissenschaftlichen Büchern überspitzte und übertriebene Thesen vertreten.

Ein Beispiel für die übertriebene Darstellung angeblicher Forschungsleistungen ist Craig Venter, der geschickt mit den Erwartungen der Medien und der Öffentlichkeit spielt, wenn er etwa die gelungene Erschaffung künstlichen Lebens verkündet, welche jedoch laut der Mehrzahl der Fachleute auf dem Gebiet der Synthetischen Biologie nicht geglückt ist [80]. Ein weiteres Beispiel ist der Harvard-Professor George Church, dessen strittige Behauptung, dass bald Neandertaler geklont werden, zunächst vom Spiegel und dann von vielen nationalen und internationalen Medien aufgenommen wurde [82].

Pressestellen

Die Öffentlichkeitsarbeit für Forschungsinstitutionen wird zunehmend durch professionelle Pressestellen übernommen, deren Arbeit meist der Reputation der Forschung und der Institution dienen und damit interessengelenkt sind. Die dort verfassten Presseerklärungen beeinflussen die journalistische Berichterstattung: Sie setzen Themen und geben meist einen unkritischen und positiven Grundton vor. Um die Aufmerksamkeit der JournalistInnen zu gewinnen, besteht bei Presseerklärungen der Trend zur Übertreibung von Forschungsergebnissen [83].

So sagt die Leiterin des Ressorts Gesundheit bei Spiegel Online, Cinthia Briseño, dass Pressestellen inzwischen zugespitzter formulierten als das Nachrichtenportal [84]. Dies ist eine fragwürdige Entwicklung, die mit dem Trend zur Reputationskommunikation der wissenschaftlichen Institutionen erklärt werden kann.

7.4   Hype und Medien

JournalistInnen und Medien können als individuelle Akteure von Hypes profitieren und diese verstärken. Einer der Gründe kann das Buhlen um Aufmerksamkeit beim Konsumenten sein. Auch eine Vereinfachung der komplexen Tatbestände zwecks besserer Erzählbarkeit kann zur Ursache von Hype werden, da mit Vereinfachung oft Überspitzung einhergeht.

Der wissenschaftliche Prozess ist durch eine starke Kontinuität geprägt und steht damit in einem Gegensatz zur journalistischen Berichterstattung, die „Neuigkeit“ und auch „Überraschung“ als wichtige Kriterien hat [85]. Fehlen diese wichtigen Eigenschaften bei einer journalistischen Geschichte, werden sie mitunter konstruiert.

Zu dieser Eigenlogik der journalistischen Selektion kommen weitere Faktoren: Nicht alle JournalistInnen, die über Wissenschaft berichten, verfügen über fundierte wissenschaftsjournalistische Kenntnisse. Viele stehen Pressemeldungen und auch Meldungen von KollegInnen anderer Medien, unkritisch gegenüber, wenn die Quelle aus der Wissenschaft stammt. Auch fehlt oft die Zeit, sich kritisch mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen und sich vertiefend in ein Thema einzuarbeiten. Dadurch werden überspitzte und um Aufmerksamkeit heischende Meldungen unreflektiert übernommen.

Hype und Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit prägt als Konsument von Journalismus dessen Themenselektion, weil Massenmedien die Aufmerksamkeit des Publikums zu lenken versuchen. Das Publikum nimmt so mit seinen Interessen und Erwartungshaltungen indirekten Einfluss auf die Berichterstattung. Das kann als ein Grund dafür angesehen werden, dass in der Berichterstattung über biomedizinische Grundlagenforschung oft Heilsversprechen thematisiert werden, auch wenn diese, wenn überhaupt, in ferner Zukunft und erst durch weitere erfolgreiche Forschung eintreten können. Ähnliche Mechanismen greifen auch in der Wissenschaft, die sich in ihren Aussagen an Publikumserwartungen orientiert. Wenn also Wissenschaft und Journalismus Hypes generieren, bedienen sie dabei bestimmte Motive, Trends und Sensibilitäten, die sie im Publikum vermuten.

Handlungsempfehlungen

Während das Phänomen des Hypes für Wissenschaft, Journalismus und Öffentlichkeit insgesamt nachteilig ist, profitieren einzelne Akteure wie etwa bestimmte WissenschaftlerInnen oder JournalistInnen kurzfristig davon. Dies erschwert es insgesamt, Hypes entgegenzuwirken. Als Konsequenz daraus sollten Mechanismen geschaffen werden, die hype-förderndes Verhalten systematisch offenlegen und sanktionieren sowie hype-verminderndes Verhalten ermöglichen und verstärken.

Für die Wissenschaft

1. Eine kritische Auseinandersetzung des Wissenschaftssystems mit den derzeit angewandten Bewertungsmechanismen kann helfen, Forschungsergebnisse hinsichtlich ihrer Bedeutung zutreffender einzuordnen [→ Qualitätssicherung].

2. Um die tatsächliche Relevanz von Forschung und ihre Förderungswürdigkeit zu beurteilen, sollte vorrangig die konkrete inhaltliche Leistung betrachtet werden. Der impact factor als Maß für die Bedeutung eines Forschungsgebietes oder einzelner Ergebnisse reicht hierfür nicht aus und sollte weniger stark beachtet werden [→ Quali­tätssicherung].

3. Auch Negativergebnisse können einen Beitrag zur korrekten Einordnung von Themen leisten. Durch ihre Nicht-Publizierbarkeit gehen sie derzeit aber häufig verloren. Eine Nutzbarmachung dieser Ressourcen ist deshalb erstrebenswert [→ Qualitätssiche­rung].

4. Häufig werden Hypes im Wissenschaftssystem selbst ausgelöst. Um dies zu verhindern, könnte eine systematische Bewertung der Arbeit von Pressestellen der Wissenschaftseinrichtungen erfolgen. Denkbar wäre hierfür ein spezialisierter Presserat für Pressestellen an Forschungsinstitutionen, der einen Verhaltenskodex formuliert und hype-förderndes Verhalten durch öffentliche Rügen sichtbar macht.

5. Voraussetzung für eine adäquate Wissenschaftskommunikation ist zuerst die erfolgreiche Zusammenarbeit von WissenschaftlerInnen und JournalistInnen. Die Unkenntnis medialer Mechanismen seitens vieler WissenschaftlerInnen kann dazu führen, dass Themen nicht sachgemäß und angemessen kommuniziert werden. In Medientrainings könnten WissenschaftlerInnen für diese Mechanismen sensibilisiert werden, um sich dementsprechend verhalten zu können.

Für die Medien

6. Wissenschaftsjournalismus erfüllt als kritischer Beobachter der Wissenschaft eine wichtige Aufgabe für sein Publikum, agiert etwa als Vertrauens- oder Misstrauensvermittler in Bezug auf Wissenschaft. Im Optimalfall ist er in der Lage, unsachgemäße und übertriebene Darstellungen frühzeitig zu erkennen und damit Hypes zu verhindern. Deshalb ist es wichtig, den Wissenschaftsjournalismus zu stärken, etwa durch die Förderung entsprechender Ausbildungen.

7. Darüber hinaus sollte aber auch die wissenschaftsjournalistische Berichterstattung selbst kritisch reflektiert und auf ihre Angemessenheit und Qualität hin überprüft werden. Unabhängige Formate wie die Internetplattform „Medien-Doktor“ [86] machen schon heute die Qualität der Berichte im Bereich der Medizinberichterstattung nachvollziehbar. Diese Evaluation auf andere Themengebiete auszuweiten und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen, könnte dabei helfen, hype-auslösendes Verhalten offenzulegen und die Qualität wissenschaftsjournalistischer Arbeit insgesamt zu erhöhen. Es ist auch ein deutsches Pendant zum Knight Science Journalism Tracker denkbar, ein stiftungsgestütztes Blog, das den Tenor wissenschaftsjournalistischer Berichterstattung zusammenfasst und bewertet.

8. Im Pressekodex ist gegenwärtig unter Ziffer 14 vermerkt [87]: „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.“ Dieser Artikel sollte über medizinische Themen hinaus auf wissenschaftliche Themen insgesamt ausgeweitet werden. Zudem sollte er etwas konkreter formuliert werden. Der gegenwärtige Wortlaut umfasst zwar Hype, ist aber sehr vage und vermutlich der Grund dafür, dass der Presserat seit 1997 nur in drei Fällen eine Rüge aufgrund eines Verstoßes gegen Ziffer 14 ausgesprochen hat.

Für die Öffentlichkeit

9. Um einen reflektierten Umgang der Öffentlichkeit mit der Kommunikation von und der Berichterstattung über wissenschaftliche Fragestellungen und Ergebnisse zu ermöglichen, sollten die Einordnung von massenmedialen Informationen und der kritische Umgang mit Quellen systematisch vermittelt werden. Dies beginnt in der Schule, wo entsprechende Fähigkeiten und Kompetenzen vermittelt werden sollen [→ Bildung].

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