1. Grundwerte – Was ist gute Wissenschaft?

1.1   Was ist Wissenschaft?

„Wissenschaft“ wird hier, sehr allgemein, verstanden als das Bemühen um Erkenntnis und Verständnis von Mensch und Welt nach einer bestimmten Methode. Zentrale Ziele von Wissenschaft sind: neues Wissen zu generieren, bestehendes Wissen zu überprüfen und weiterführende Fragen aufzuwerfen. Die wissenschaftliche Methode zeichnet sich vor allem durch Nachvollziehbarkeit aus. Außerdem ermöglicht die systematische Dokumentation der Ergebnisse auf gewonnenem Wissen aufzubauen. Insofern sind in der Wissenschaft Forschung und Weitergabe von Wissen in der Regel durch Lehre verbunden.

Im Folgenden beziehen wir uns mit dem Begriff „Wissenschaft“ vor allem auf die Lebenswissenschaften, das heißt alle Bereiche verschiedener Disziplinen, die sich mit dem Leben beschäftigen. Dazu gehören zentral Biologie und Medizin sowie Bereiche der Chemie und Physik. Mit der rasanten Entwicklung dieser Forschungszweige gehen allerdings Fragen zu gesellschaftlichen und politischen Risiken möglicher Anwendungen und zur moralischen Vertretbarkeit einiger Forschungshandlungen selbst einher. Sie machen deutlich, dass diese Wissenschaft oft eine noch stärker inter- oder sogar transdisziplinäre Herangehensweise erfordert. Exemplarisch dafür stehen die Synthetische Biologie und die Hirnforschung. Hier sollten nach unserem Verständnis die Geistes- und Sozialwissenschaften, das heißt Disziplinen wie die Philosophie (darin insbesondere die Ethik), Sozial- und Politikwissenschaften, die naturwissenschaftliche Herangehensweise in den Lebenswissenschaften ergänzen.

1.2   Was ist gut?

1.2.1    Was macht Wissenschaft sachlich gut?
Freiheit und Unabhängigkeit

Die Freiheit stellt einen der wichtigsten Aspekte der Wissenschaft dar. Das ist nicht nur so, weil die Wissenschaft ein in der Verfassung gesichertes Grundrecht auf sie hat, sondern auch die sachliche Qualität von Wissenschaft davon abhängt, dass ihre Standards nicht von sachfremden Interessen beeinflusst werden. Freiheit verstehen wir hier zum einen als Freiheit zu eigener Themensetzung, Tempowahl und Kreativität; zum anderen als Freiheit von äußeren Zwängen und Vorgaben, im Sinne von Unabhängigkeit in inhaltlicher, finanzieller und struktureller Hinsicht [→ Qualitätssiche­rung].

Gute wissenschaftliche Praxis

Institutionelle Wissenschaft beruht auf Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens, die unter dem Begriff „gute wissenschaftliche Praxis“ zusammengefasst werden. Dazu gehören neben selbstverständlicher Gründlichkeit und den Grundsätzen der jeweiligen Disziplin unter anderem die sorgfältige Dokumentation der Arbeit und Ehrlichkeit im Umgang mit Beiträgen von KollegInnen und KonkurrentInnen [1]. Sachlich gute Wissenschaft erkennt diese Regeln an und erweitert sie im Zuge neuer Erkenntnisse und Erfahrungen [→ Qualitätssicherung].

Realistische Zielsetzungen

Gute Wissenschaft setzt den realistischen Umgang mit dem Potenzial der jeweiligen Forschung und der Bedeutung ihrer Ergebnisse voraus. Unrealistische Zielsetzungen können Begehrlichkeiten und Ansprüche wecken, die zu Missverständnissen, fehlgeleiteter Meinungsbildung in der Bevölkerung und letztlich zu politischen Fehlentscheidungen führen. Es liegt daher in der Verantwortung von Wissenschaftlern, durch angemessene Zielsetzungen und deren Kommunikation falsche Hoffnungen und Scheindebatten zu vermeiden – auch wenn der immer schnellere technische Fortschritt dazu führen mag, sich vom Gedanken der „Möglichkeit des Machbaren“ verführen und antreiben zu lassen. Gute Wissenschaft zeichnet sich durch einen reflektierten Einsatz neuer Technologien aus und lässt sich nicht von reiner Technikbegeisterung und utopischen Fortschrittsversprechen blenden [→ Hype].

Transparenz

Forschung kann nur dann gut sein, wenn sie nicht in geschlossenen Subsystemen stattfindet, sondern im Kontakt mit verschiedenen Bereichen innerhalb und über die Wissenschaft hinaus. Transparenz ermöglicht und fördert Selbstkontrolle und Qualitätssicherung wissenschaftlichen Arbeitens. Derzeit diskutierte Themen, wie beispielsweise Patente [→ Kommerzialisierung] oder open access, rücken das Bedürfnis nach einem nachvollziehbaren Prozess der Erkenntnisgewinnung stärker in den Fokus. Es gilt dabei zu unterscheiden zwischen der Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen im Rahmen der scientific community [→ Kommerzialisierung] und der Möglichkeit zur Teilhabe der Gesellschaft [→ Ethik, → Demokratietheorie].

1.2.2    Was macht Wissenschaft moralisch gut?
Kritikfähigkeit

Gute Wissenschaft legt ein explizit nicht-dogmatisch geprägtes Welt- und Menschenbild zugrunde. Niemand in der Wissenschaft behauptet etwas ohne Gründe oder Beweise, Thesen werden vielfach überprüft, und keine Erkenntnis ist absolut vor einer Revision gefeit. Kritikfähigkeit, verstanden als die Fähigkeit, Kritik zu üben wie selbst anzunehmen, gehört zum Forschen. Hier überschneiden sich in gewisser Weise Methode und Moral. Kritisches Denken und Handeln zu fördern ist ein wichtiges Kriterium guter Wissenschaft, das die Mitglieder der Gesellschaft dazu befähigt, als kompetente Individuen in einer liberalen Demokratie aufzutreten und mit zu entscheiden [→ Demokratietheorie].

Verantwortungsbewusstsein

Obwohl Wissenschaft in vielerlei Hinsicht frei ist und sein sollte, sind die einzelnen WissenschaftlerInnen doch nicht frei von moralischer Verantwortung, die sie als Mitglieder der Gesellschaft haben – für diese Gesellschaft wie auch für die Umwelt, in der wir leben. Moralisch gute Wissenschaft wird von Akteuren betrieben, die sich dieser Verantwortung bewusst sind. Sie handeln dementsprechend überlegt und besonnen, sowohl was Methoden in der Gegenwart angeht, als auch, was mögliche Folgen und Risiken ihrer Forschung in der Zukunft betrifft [→ Ethik].

Teilhabe der Gesellschaft

Wissenschaft findet nicht in Abwesenheit von, sondern innerhalb einer Gesellschaft und für diese statt. Bedingung für gute Wissenschaft ist deshalb auch, dass neue
Erkenntnisse, die in der Gesellschaft institutionell oder individuell genutzt werden können, für alle Teile dieser auch zugänglich und verfügbar sind. Gute Wissenschaft fördert Entwicklungen zum Erreichen dieser Ziele, sowohl in technischer als auch in politischer Hinsicht; auch wenn in Einzelfällen abgewogen werden muss, ob eine Verbreitung anwendungsbezogener Ergebnisse nicht unkontrollierbare Risiken birgt [→ Wissenschaftsphilosophie, → Qualitätssicherung, → Ethik, → Demokratie­theo­rie].

Vielfalt

Gute Wissenschaft sollte die Vielfalt der Gesellschaft reflektieren und fördern. Dies gilt zum einen in inhaltlicher Hinsicht für die Auswahl der Themen bei der gerechten Verteilung von Forschungsgeldern, so dass auch Nischenfächer oder Randgebiete berücksichtigt werden [→ Kommerzialisierung]. Zum anderen gilt es strukturell, das heißt für die Auswahl der Personen, die in der Wissenschaft arbeiten, so dass die Wissenschaft von den verschiedenen sozialen Hintergründen ihrer Akteure profitieren kann [→ Demokratietheorie, → Bildung].

1.3   Was bedroht und behindert gute Wissenschaft?

Einige Faktoren bedrohen oder behindern aktuell gute Wissenschaft. Wir unterscheiden hier zwischen Sachzwängen und Sachnotwendigkeiten.

Sachzwänge ergeben sich vor allem aufgrund von Strukturen der Wissenschaftslandschaft, also durch äußere Bedingungen. Hier gibt es viel Potenzial für Veränderung. Diese Sachzwänge aufzuspüren und so weit es geht aufzuheben, wäre ein Schritt zu einer besseren Wissenschaft.

Sachnotwendigkeiten hingegen schränken gute Wissenschaft zwar häufig ein, beruhen jedoch auf bestimmten Voraussetzungen guter Wissenschaft selbst. Folglich handelt es sich um Hindernisse, die sehr viel schwerer (oder gar nicht) zu beseitigen sind. Hier bedarf es vor allem einer höheren Aufmerksamkeit und Sensibilität im Umgang mit diesen Gegebenheiten.

1.3.1    Welche Bedrohungen äußern sich als Sachzwänge?
Finanzierungsabhängigkeit

Wissenschaft muss finanziert werden. Universitäten und Forschungseinrichtungen sind chronisch unterfinanziert, was dazu geführt hat, dass sich eigentlich unabhängige Wissenschaft immer mehr um Drittmittel bemühen muss. Diese finanzielle Abhängigkeit ist bedenklich, da sie eine Abhängigkeit auch in inhaltlicher, zeitlicher und struktureller Hinsicht bedeutet. Gleichzeitig forciert sie den Wettbewerb der Forschenden untereinander. Zusammen hat dies unter anderem zur Folge, dass in der Phase der Antragstellung häufig eine Tendenz zur Übertreibung der gesellschaftlichen Relevanz zu beobachten ist; dies widerspricht dem Anspruch realistischer, kritisch reflektierter Zielsetzungen. Finanzielle Abhängigkeit sowie das Risiko bestehender Interessenkonflikte kollidieren mit unabhängiger und freier Forschung. Eine unabhängige Finanzierung stellt hingegen die Grundlage für kreative Forschung dar, die neue, risikoreichere Wege gehen und traditionelle Ansichten in Frage stellen kann. Die staatliche Forschungsförderung darf auf keinen Fall noch mehr herabgesetzt werden [→ Qualitätssicherung, → Kommerzialisierung, → Hype].

Publikationsdruck

Ein weiterer struktureller Sachzwang betrifft die vor allem in den Naturwissenschaften bestehende Notwendigkeit, viel und schnell zu publizieren. Ein System, das vor allem auf der Quantität von Publikationen beruht, führt nicht selbstverständlich auch zu einer qualitativ hochwertigeren Wissenschaft. Vielmehr sollte man diesen Publikationsdruck in Frage stellen und auf eine Entschleunigung hinwirken, da sonst Gründlichkeit und Nachhaltigkeit von guter Wissenschaft gefährdet sind. Dabei muss allerdings darauf geachtet werden, dass eine solche Verlangsamung keine Nachteile, etwa bei der Übertragung neuer biomedizinischer Erkenntnisse in den klinischen Alltag, mit sich bringt; hier müssen eventuelle Ansprüche von Betroffenen berücksichtigt werden [→ Qualitätssicherung].

Risiken des Wettbewerbs

Wettbewerb in der Wissenschaft kann – in Maßen – zweifellos hilfreich sein, um Originalität und Innovation zu fördern. Doch auch die Nachteile eines kompetitiven Wissenschaftssystems und des damit verbundenen Konkurrenzdenkens sind offensichtlich. Übertriebener Wettbewerb kann Transparenz behindern und Themen im Zweifel wichtiger erscheinen lassen, als sie eigentlich sind. Dies beruht unter anderem darauf, dass neben Erkenntnisgewinn auch Anerkennung und Karrieresicherung im Blick der Forschenden stehen. So kann es zu einem Interessenkonflikt kommen, wenn Veröffentlichungen verstärkt mit Blick auf den impact factor der Publikation geschehen. Da hochrangige Veröffentlichungen für das Erwerben von Reputation so wichtig sind, werden nicht selten private Kontakte genutzt, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Ähnlich führt das peer review-Verfahren zu so mancher Engführung in Forschungsfeldern, indem verstärkt in den Bereichen weiter geforscht wird, für die es auch schon ForscherInnen als GutachterInnen gibt. Auch in diesem Kontext wiederholt sich die Forderung nach open access, denn der freie Zugang zu Forschungsergebnissen würde den Fokus bezüglich der für die Karriere wichtigen Aspekte wieder stärker auf den Erkenntnisgewinn einer Publikation lenken [→ Qualitätssicherung, → Hype].

Fehlende Begleitforschung

Der zunehmenden Flut von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Daten und Informationen wird momentan mit Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Fachbereichen und Forschungsfeldern begegnet. Das birgt die Gefahr, dass in der Wissenschaft größere, systematische Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Die gesamtgesellschaftliche Risikoabschätzung sowie eine angemessene Bewertung von Forschungsvorhaben und -ergebnissen erfordern interdisziplinäre Ansätze. Vor allem die Einschätzung dieser potenziellen Risiken benötigt sowohl die Beteiligung verschiedener Forschungszweige als auch den öffentlichen Diskurs als reflexiven Feedback-Mecha­nismus [→ Ethik].

Zugangsbarrieren

Ungleiche Zugangsvoraussetzungen und die Benachteiligung verschiedener sozialer Gruppen führen zu deren Unterrepräsentation in der Forschungslandschaft und laufen so dem Anspruch der Vielfalt zuwider. Dies betrifft sowohl die gender-spezifische Undurchlässigkeit, eingeschränkte Chancengleichheit verschiedener sozialer Gruppen, ungleiche Bedingungen und Chancen während langer Strecken eines wissenschaftlichen Lebenslaufs, als auch nicht zuletzt die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Zugangsbarrieren stehen dem Ideal der Vielfalt entgegen und beeinflussen nicht zuletzt die inhaltliche Ausrichtung von forschungsrelevanten Themen [→ Bildung].

1.3.2    Welche Bedrohungen äußern sich als Sachnotwendigkeiten?
Politische Legitimation

Wissenschaft, die im demokratischen Verfassungsstaat mit öffentlichen Geldern, das heißt mit Steuern gefördert wird, muss sich den Bedingungen legitimen politischen Zwanges im demokratischen Verfassungsstaat fügen. Sie muss bestehende Gesetze und grundlegende Prinzipien wie gleiche politische Rechte und Freiheiten achten.

Das ist eine Sachnotwendigkeit, welche die Wissenschaft in Thematik, Tempo und Vorgehen einschränken kann. Wissenschaftlicher Erkenntnis- und gesellschaftlicher Interessensanspruch müssen im Bewusstsein ihrer Verschränktheit, vor dem Hintergrund der Prinzipien der liberalen Demokratie, immer wieder neu verhandelt werden [→ Demokratietheorie, → Ethik].

Kommunikation

Auf der einen Seite ist Wissenschaft in vielen Fällen auf eine Fachsprache angewiesen, um ihren komplexen Forschungsgegenständen gerecht zu werden. Denn natürliche, technische und kulturelle Systeme sind auf verschiedene Weisen komplex, das heißt sie sind durch eine Vielzahl von Parametern und Abstraktionsebenen gekennzeichnet, die ein bestimmtes Phänomen oft nur zusammengenommen hinreichend erklären können. Außerdem bedarf es zu ihrer Beschreibung semantischer Genauigkeit, um Missverständnisse zu vermeiden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Fachsprache der ExpertInnen zu einer Ausgrenzung der Gesellschaft und von Nicht-ExpertInnen führen darf. Denn auf der anderen Seite darf die Gesellschaft erwarten, dass Forschungsergebnisse und -prozesse verständlich kommuniziert werden, auch wenn dies wiederum oftmals eine Vereinfachung des Gegenstands zur Folge hat. Dies kann dem Anspruch der Wissenschaft widersprechen, sich in ihrer Komplexität darstellen zu dürfen. In diesem Punkt liegt es auch in der Verantwortung von JournalistInnen und WissenschaftlerInnen, Kompromisse zu finden [→ Expertise, → Hype].

1.4   Wie können wir Behinderungen und Bedrohungen guter Wissenschaft begegnen?

Im folgenden Diskursergebnis werden einige der hier aufgezeigten Aspekte von guter Wissenschaft diskutiert, um anschließend Handlungsempfehlungen geben und Lösungsideen entwickeln zu können.

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