6. Die ExpertInnen guter Wissenschaft

ExpertInnen und ihre Expertisen sind in einer funktional differenzierten Gesellschaft allgegenwärtig. Aufgrund spezieller Kompetenzen sollen ExpertInnen die Welt verstehen helfen, vor Risiken warnen, PolitikerInnen bei Entscheidungen beraten und Szenarien über mögliche Zukünfte simulieren. Nicht alle können ExpertInnen für alles sein, daher stellt sich bei der Frage nach der guten Wissenschaft die besondere Frage, welche Rolle wissenschaftliche ExpertInnen und deren Expertisen spielen sollten – nicht nur in den Wissenschaften, sondern darüber hinaus in Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit.

Gute Wissenschaft hat bei ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen und sicherem Wissen zunächst kein Publikum außerhalb ihrer selbst. Neues Wissen zu schaffen ist unabhängig von seiner breiten Akzeptanz. Aber es ist an strenge Voraussetzungen geknüpft: Diejenigen, die neue Wahrheiten finden sowie die Erkenntnisse Dritter beobachten, kritisieren und überprüfen sollen, müssen zum Beispiel disziplinäre Methodiken kennen oder eine Reputation in der Gemeinschaft der Wissenschaftler­Innen eines Fachgebietes besitzen.

ExpertIn ist daher im System der Wissenschaften zunächst einmal jemand, der oder die in seinem / ihrem Forschungsfeld Fachkompetenz besitzt und an der Wahrheits- und Erkenntnisproduktion teilhat. Außerhalb des eigenen Erfahrungs- und Erkenntnisfeldes hat eine solche Expertise zunächst jedoch keine besondere Autorität. In interdisziplinärer oder transdisziplinärer Zusammenarbeit kollidieren Wissenskulturen mit je unterschiedlichen Methodiken, die alle Anspruch auf Geltung erheben [→ Wissenschaftsphilosophie]. Dazu gehören auch nicht-akademisches Erfahrungswissen oder implizites Wissen („Tacit Knowledge“ [61]).

Auch wenn die Figur der wissenschaftlichen ExpertInnen in der Politikberatung sowie in der demokratischen Öffentlichkeit eine herausgehobene Rolle einnimmt, ist es letztlich die demokratische Gesellschaft selbst, die Verantwortung für das Tempo der Ausbreitung neuen Wissens übernehmen muss. Das kreiert das Dilemma, dass demokratische Entscheidungen auf Expertisen angewiesen sind, ohne deren Konsequenzen überblicken zu können. Neues Wissen muss ständig eingebettet werden in die Welt, in der Menschen leben. Vor allem die Lebenswissenschaften entwickeln sich zu einer Art „Werkstatt des Möglichen“. Wissenschaft ist mit den Worten der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston eine „ewige Zerstörerin und Erbauerin neuer Welten“ [62].

Nun wächst aber die Flut der verfügbaren Informationen und Handlungsoptionen exponentiell, während das Verstehen der Zusammenhänge der Wirklichkeit damit nicht immer Schritt hält.

Einem umfassenden Verstehen steht zum Beispiel die zunehmende Spezialisierung und Fragmentierung der Wissensproduktion entgegen. Die Inflation der ExpertInnen und Expertisen wird zum Anzeichen einer Vertrauenskrise: Jeder Expertise steht eine Gegenexpertise gegenüber. Keine einzelne Person vermag mehr als nur einen winzigen Teil von all dem Wissen zu kennen, das zum Beispiel bei politischen Entscheidungen zu beachten wäre. Geht es also um wissenschaftliches Wissen und die Grenzen desselben, dann wird es für die BürgerInnen und die Politik zunehmend wichtiger, erkennen zu können, welchen ExpertInnen aus welchen Disziplinen sie Vertrauen schenken können. Die Frage ist daher: Wer sind jeweils die für eine Entscheidung relevanten Autoritäten, die sowohl Urteilskraft als auch Unabhängigkeit besitzen?

Die jeweils relevanten und kompetenten ExpertInnen zu identifizieren, wird zunehmend zu einem echten Problem. Denn auch wissenschaftliche ExpertInnen können sich in der Lage von Laien finden, die nicht alles wissen können: „Selbst der Pflanzenphysiologe weiß kaum etwas über Astrophysik, und ein Kardiologe wird bei einem Neurologen Rat suchen, wenn er andauernd Kopfschmerzen verspürt.“ So beschreibt Steven Shapin das Problem, dass echte Expertise in der Regel nicht austauschbar ist wie eine Währung [63]. Damit die Öffentlichkeit und die Politik aber erkennen kann, wo man nach relevanten ExpertInnen suchen muss, braucht sie Meta-Wissen über die jeweils entscheidende Expertise. In dieser Situation wird es zu einer der größten Herausforderungen, konzeptionelle und theoretische Werkzeuge zu entwickeln, die Menschen und Gesellschaften überhaupt in die Lage versetzen, Informationen in sicheres Wissen und kluge Handlungsoptionen zu übersetzen.

6.1   ExpertInnen in der Politikberatung

Gewählte VolksvertreterInnen in Demokratien sind zunehmend von spezialisierten Fachleuten und Bürokratien abhängig, die ihnen Informationen und kritisches Wissen über die Welt verschaffen. Selbst diese BeraterInnen und ExpertInnen schauen aber auch nur mit einem je speziellen Blick auf die Welt, können die in der Regel komplexen, ineinander verschachtelten und oft unverstandenen Zusammenhänge nicht durchdringen.

Wird das Bewusstsein über das Beschränktsein des Expertentums nicht als Bestandteil guter Wissenschaft verstanden, entsteht eine Spannung zwischen dem Ideal der demokratischen Partizipation und der Art und Weise, wie Expertentum politisch instrumentalisiert werden kann. Eine gesamtgesellschaftliche Risikoabschätzung erfordert also immer eine angemessene Bewertung von Forschungsvorhaben und -ergeb­nissen durch interdisziplinäre Foren. Vor allem die Einschätzung potenzieller Risiken benötigt sowohl die Beteiligung verschiedener Forschungszweige als auch den öffentlichen Diskurs als reflexiven Feedback-Mechanismus.

Fehlt dieser, können Eliten mit Hilfe von Wissenschaft in modernen Demokratien erhebliche Macht akkumulieren – in technologischer, ökonomischer sowie in militärischer Hinsicht. Entscheidungen werden dann womöglich auf der Basis von unwahren, irrigen, unvollständigen oder unverstandenen wissenschaftlichen Daten getroffen und legitimiert [64]. So hat eine kleine Gruppe von Physikern, Mathematikern und Informatikern als Quantitative Analysten im Verbund mit Hedgefonds und Investmentbanken Finanzprodukte erfunden und raffinierte Algorithmen für einen extrem beschleunigten Wertpapierhandel entwickelt, die zum Kollaps der Finanzmärkte im Krisenjahr 2008 beitrugen [65].

Ein weiteres Beispiel sind im Labor erschaffene, erstmals bei Säugetieren übertragbare Vogelgrippe-Erreger [66, 67]. Solche Forschung stellt einen riskanten Wissenspool bereit, aus dem sich zunehmend mehr gesellschaftliche Gruppen gleich welcher Gesinnung bedienen könnten, im Guten wie im Bösen. Wenn sich schon aus Erbgut-Sequenzen unter bestimmten Laborbedingungen mit wenigen Mutationen eine Biowaffe erzeugen lässt, braucht die Gesellschaft neue Foren, um über Risiken zu kommunizieren [68].

Die moderne Wissenschaft stellt somit ein historisch bisher einmaliges Repertoire auch für folgenschwere und nicht reversible Entscheidungen aller Art bereit – bedingt durch die hohe Dynamik des Wissenszuwachses und dessen zeitweise asymmetrische Verteilung.

In dieser Situation wird die Qualität der Politikberatung durch ExpertInnen zu einer entscheidenden Frage. Welche Rolle können wissenschaftliche ExpertInnen dabei spielen? Wissenschaft stellt technische Innovationen bereit, die der modernen Gesellschaft als wesentliche Ressource zur weiteren Entwicklung dienen können. Andererseits werfen wissenschaftlich-technische Entwicklungen heute immer mehr politische Fragen auf, bei denen die Diskussion der Chancen und Risiken im Fokus steht. Oft kann nur die Wissenschaft selbst mögliche Risiken bewerten und der Politik instrumentelles Wissen zur Problemlösung an die Hand geben.

Es zeichnet sich in der wissenschaftlichen Politikberatung jedoch auch der Trend ab, dass politische Entscheidungen durch Rekurs auf wissenschaftliche Rationalität legitimiert werden sollen [69]. Hierbei ist kritisch zu hinterfragen, ob und unter welchen Umständen Wissenschaft demokratisch dazu befugt ist.

Eine Trennung von fachlicher Expertise und politischer Bewertung wird dort besonders bedeutsam, wo Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Denn gerade wenn es um die Bewertung neuartiger Technologien geht, deren Chancen und Risiken nicht gänzlich abzusehen sind, kann sich Politik nicht allein auf die wissenschaftliche Rationalität berufen, um Entscheidungen zu begründen. Vielmehr sollte bei der Diskussion um technologische Innovationen ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess erfolgen, in dem nicht allein wissenschaftliche Expertisen, sondern ebenso verschiedene weltanschauliche Positionen verhandelt werden, in denen es also – auf demokratischer Basis – zu Entscheidungen kommen kann, die Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen Selbstverständnisses sind. Die Fachsprache der ExpertInnen darf dabei nicht zu einer Ausgrenzung der Gesellschaft und von Nicht-ExpertInnen führen [→ Grundwerte].

6.2   Demokratisierung durch ExpertInnen?

Angesichts des geschilderten Spannungsverhältnisses zwischen verwissenschaftlichter Politik und politisierter Wissenschaft wird an dieser Stelle vorgeschlagen, die dichotome Trennung zwischen wissenschaftlichen ExpertInnen und Laien neu zu überdenken. Dies kann beispielsweise so geschehen, dass Expertise nicht mehr allein über die praktische Erkenntnisproduktion der ExpertInnen definiert wird, sondern auch durch deren kommunikative Einbettung in den wissenschaftlichen Diskurs, wobei diese interaktionelle Expertise nicht mit einer aktiven Forschungstätigkeit einhergehen muss [61].

In einem solchen Verständnis kann auch Personen, die nicht aus dem engen Umkreis der aktuell forschenden WissenschaftlerInnen kommen, in bestimmten Situationen ein Expertenwissen zugesprochen werden – nämlich dann, wenn sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden in Grundzügen verstehen und inter- oder transdisziplinäre Bezüge herstellen können, die solche Expertise anschlussfähig für gesellschaftliche Diskussionen macht [69]. So ist zum Beispiel die Position von behinderten Menschen relevant, wenn es um die Zulassung neuer diagnostischer Möglichkeiten zum Aufdecken von Erbkrankheiten geht.

Mit einer solchen Erweiterung dessen, was Politik und Massenmedien als relevantes Wissen anerkennen, könnte eine Demokratisierung von Expertise angeschoben werden, die nicht nur den möglichen unbekannten Folgen von wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen gerecht wird, sondern auch die Tatsache ernst nimmt, dass politische Entscheidungen nie allein aus Faktenwissen abgeleitet werden, sondern immer auch Entscheidungen über bestimmte Werte darstellen. Vor diesem Hintergrund sollten neue kommunikative und deliberative Politikformen geschaffen werden, die Aspekte guter Wissenschaft mit gesellschaftlichen Diskursen koppeln [70] [→ Demokratietheorie].

6.3   Öffentliche ExpertInnen

Die Sichtbarkeit von ExpertInnen in öffentlichen Diskursen unterliegt den Selektionsroutinen der Massenmedien. Status ist dabei ein wichtiges Aufmerksamkeitskriterium. Gleichzeitig spiegelt die Auswahl von Expertise in den Massenmedien keine wissenschaftlichen Kriterien wider. So kann es vorkommen, dass bestimmte Expertenpositionen unterschlagen werden, und nicht selten werden zu bestimmten Themen immer dieselben ExpertInnen befragt. So entsteht ein einseitiges oder gar verzerrtes Meinungsbild zu manchen Themen. Mehrheitsmeinungen können marginalisiert, Minderheitenmeinungen dominant werden. Andererseits kann die mediale Aufmerksamkeit für Außenseitermeinungen die Gesellschaft frühzeitig alarmieren, ein Beispiel hierfür war die BSE-Krise in Großbritannien.

Neben mangelnder Vielfalt kann sich aus der Art der medialen Zuschreibung von Expertise ein weiteres Problemfeld ergeben. Häufig werden relevante Interessenkonflikte von ExpertInnen nicht transparent gemacht. ExpertInnen stehen als gute WissenschaftlerInnen in der Verantwortung, die Grenzen ihrer Kompetenz zu reflektieren und klar und deutlich zu sagen, wo sie kein Detailwissen und dementsprechend keine echte Expertise zu einem Thema besitzen. In solchen Fällen wäre es wünschenswert, auf andere WissenschaftlerInnen zu verweisen, die in dem diskutierten Fachgebiet kompetenter sind. Letztendlich sollte ein guter Wissenschaftler im öffentlichen Raum die Klärung eines Sachverhaltes in den Vordergrund stellen – und Anfragen von JournalistInnen nicht als Gelegenheit nutzen, selbst in der Öffentlichkeit besser dazustehen.

Ein möglicher Ausweg sind Institutionen wie das Science Media Center in Großbritannien, das kompetente Stimmen der Wissenschaft in mediale Diskurse einspeisen will.

Die journalistische Frage bleibt jedoch, welche Stimmen von ExpertInnen in der Öffentlichkeit gehört werden müssen und wer am Ende darüber entscheiden soll, wann im öffentlichen Diskurs Konsens oder Dissens in wissenschaftlichen Fragestellungen vorliegt. Bei der Suche nach echten ExpertInnen kann sich der Journalismus jedenfalls nicht allein an den Qualitätskriterien guter Wissenschaft orientieren.

Ein Problem von JournalistInnen im Umgang mit echten ExpertInnen kann auch darin bestehen, dass diese häufig keine Motivation erkennen lassen, sich in öffentliche Debatten einzumischen, sofern sie keine eigenen Interessen vertreten. Gerade unabhängige Expertisen ohne Interessenkonflikte aber könnten öffentliche Diskurse bereichern. Um kompetente ExpertInnen an öffentlichen Debatten teilhaben zu lassen, müssen JournalistInnen neben der fachlichen Expertise auch Interessenkonflikte von Fachleuten überprüfen können. In der Medizin wäre es etwa zu begrüßen, wenn die Zuwendungen von Pharmafirmen und Medizinprodukte-Herstellern an WissenschaftlerInnen, MedizinerInnen oder Institutionen in einer transparenten Datenbank zu recherchieren wären, wie dies in den USA mit dem Physician Payment Sunshine Act beschlossen wurde [71]. Liegen Interessenkonflikte vor, disqualifiziert das betreffende WissenschaftlerInnen nicht automatisch als ExpertInnen, solange sie transparent dargelegt werden [→ Kommerzialisierung].

Empfehlungen

1. Die wissenschaftlichen Fachdisziplinen sollten nach Wegen suchen, um die interdisziplinäre und transdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern, und dabei neue Instrumente der Bewertung und Folgenabschätzung durch multifokale Expertise entwickeln.

2. Das Bewusstsein über die Beschränktheit jeder Expertise – sowohl in Bezug auf Nischenwissen als auch auf die Unsicherheit von Forschungsergebnissen – sowie über die Grenzen rationaler Entscheidungsfindung sollte im innerwissenschaftlichen wie auch im öffentlichen Dialog gestärkt werden.

3. WissenschaftlerInnen sollten aktiv in Diskussion mit der Öffentlichkeit treten, unterstützt durch unabhängige Plattformen wie zum Beispiel das Science Media Center in Großbritannien [72]. Eine solche Institution sollte JournalistInnen aber nicht davon entbinden, kritisch zu reflektieren, welche Expertise sie benötigen und was mögliche Interessenkonflikte der ausgewählten ExpertInnen sein können.

4. Die wissenschaftlichen Disziplinen sollten verpflichtet sein, Interessenkonflikte mit Wirtschaft oder Politik offenzulegen, beispielsweise nach dem Vorbild des Physician Payment Sunshine Act.

5. Da auch Nicht-WissenschaftlerInnen ExpertInnen zu einem bestimmten Thema sein können, sollten Medien und Politik ihre ExpertInnen auch außerhalb des akademischen Bereichs suchen, um so ein möglichst umfassendes Meinungsbild zu erhalten [→ Demokratietheorie].

6. Um die unterschiedlichen Ebenen von Kompetenz und Expertise aufzudecken und das gegenseitige Verständnis zu fördern, sollte es vermehrt Diskursprojekte zwischen WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen und Laien geben.

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