5. Ethische Aspekte guter Wissenschaft

Wissenschaft als menschliche Praxis ist wie jedes andere Handeln der Moral unterworfen. Das heißt, WissenschaftlerInnen müssen in ihrem Tun den moralischen Forderungen und Erwartungen entsprechen, die wir in einer moralischen Gemeinschaft an sie – wie an alle anderen Mitglieder dieser Gemeinschaft – haben. Deswegen wollen wir im vollen Sinn von guter Wissenschaft nur dort sprechen, wo diese nicht nur sachlich, sondern auch moralisch gut ist. Die Ethik, verstanden als wissenschaftliche oder alltagsintellektuelle Reflexion auf die Moral, beschäftigt sich mit der Frage, wie wir zu richtigen moralischen Urteilen kommen. Das beinhaltet, was Kriterien des moralisch Guten sind und sein können und ob unsere moralischen Urteile gut begründet sind oder gegebenenfalls revidiert werden müssen.

Dem Anspruch der Gesellschaft auf Moral der Wissenschaft steht der Anspruch der Wissenschaft auf Freiheit entgegen. Moral kann bestimmte Handlungen verbieten. Frei zu sein gehört aber konstitutiv zum Selbstverständnis von Wissenschaft, da die (sachlichen) Standards der Wissenschaft nur aus der Wissenschaft selbst stammen können. Gute Wissenschaft muss sich in dieser Spannung zwischen Selbstbestimmung und Einbettung in die Gesellschaft finden und bewähren. Die eigentlichen Adressaten für diese Aufgabe sind die Forschenden in ihrer persönlichen Verantwortung, die sie auch im Beruf nie verlieren. Die Institutionen von Politik und Wissenschaftsbetrieb müssen in erster Linie den Rahmen dafür schaffen, dass Einzelne ihre Verantwortung übernehmen können.

Vor allem in Bezug auf die Lebenswissenschaften kommt diese Thematik in besonderer Weise zum Tragen. Im Folgenden skizzieren wir dazu kurz die aktuelle Lage, spezifische Herausforderungen und erste Lösungsvorschläge.

Die gegenwärtige Situation

Die Forschung in den Lebenswissenschaften hat in den vergangenen Jahrzehnten ein enormes Tempo entwickelt und verspricht in vielen Ergebnissen eine schnelle Ausweitung menschlicher Handlungsmöglichkeiten – auch in Bereichen, in denen die Grundlagen des Menschseins berührt, in Frage gestellt oder sogar verändert werden. Und längst nicht alle dieser Möglichkeiten würden von bestehenden Gesetzen erfasst werden. In der Synthetischen Biologie etwa wird an der Kombination neuer Lebensformen und Stoffkreisläufe gearbeitet. In den Neurowissenschaften werden unter anderem neue Techniken entwickelt, die eine gezielte Einflussnahme auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen ermöglichen sollen. Das geschieht, während sich alle Wissenschaften zunehmend ausdifferenzieren und die Disziplinen nach ihrer je eigenen Logik voranschreiten.

Herausforderungen und Probleme

Unter diesen Voraussetzungen stehen alle, die gute Wissenschaft gestalten wollen, vor besonderen Herausforderungen, sowohl in inhaltlicher als auch in institutioneller Hinsicht.

Erstens werfen die Fortschritte in den Lebenswissenschaften konkrete neue moralische Fragen auf. Diese betreffen einerseits die Konsequenzen der Forschungsergebnisse und die Risiken ihrer möglichen Anwendungen, und andererseits die zur Forschung gehörenden Handlungen selbst. Was passiert beispielsweise, wenn Mittel zur großen kognitiven Leistungssteigerung vorhanden sind, aber nicht allen Menschen gleichermaßen zugänglich? Was bedeutet es für das Selbstverständnis des Menschen, zu Tabletten zu greifen, anstatt sich allein mit Willenskraft konzentriert an den Schreibtisch zu setzen? Oder: Erreichen wir mit der Aussicht, neue Organismen selbst zu entwerfen, eine Dimension, in der unser Eingriff in die Natur zu weit geht?

Das sind alles komplexe Fragen, für deren Beantwortung viele Aspekte zu berücksichtigen sind. Zu einem großen Teil geht es um Technikfolgenabschätzung; grundlegend aber immer auch darum, wie wir uns selbst als Menschen sehen und darum, wie wir gut zusammen auf dieser Erde leben können. Ob und inwieweit es sich dabei auch um Themen handelt, die eine gesetzliche Regelung verlangen, ist ein nächster Schritt in der Überlegung [→ Demokratietheorie]. Entscheidend ist aber, dass die Forschung häufig schneller als gesetzliche Regelung ist, was bedeutet, dass jede/r Forschende zunächst immer auf sein/ihr eigenes moralisches Urteil angewiesen ist.

Nun ist es zweitens so, dass die Ausdifferenzierung der Disziplinen einerseits einfach Folge der Entwicklung moderner Forschung ist, insofern deren Erkenntnisse und vor allem Datenerhebungen in immer kleinere Detailbereiche vordringen; und damit ist sie, als Teil des Fortschritts, auch begrüßenswert. Andererseits aber werden mit dem Auseinanderdriften der Disziplinen die Chancen für eine adäquate Beantwortung der genannten Fragen schlechter: Und zwar umso schlechter, je weniger die einzelnen WissenschaftlerInnen die Möglichkeit haben, über ihre (möglichen) Entdeckungen und ihre Ziele zu reflektieren; und je weniger andere Mitglieder der Gesellschaft ihre Gedanken dazu frühzeitig einbringen können, welche Forschungsrichtungen weiter verfolgt werden sollten und welche nicht.

Die derzeitige Konstellation hat dazu geführt, dass es zwar moralische Diskussionen zu Forschungsprojekten in den Lebenswissenschaften gibt, diese aber, ohne Beteiligung der Forschenden im Labor, oft eine Eigendynamik entwickeln und damit teilweise zu Scheindebatten werden. Ist es wirklich nötig, ausführlich über Fragen des Zugangs zu leistungssteigernden Mitteln zu reden, wenn noch völlig unklar ist, ob solche Mittel überhaupt je hergestellt werden können? Gleichzeitig wird faktisch Forschung vorangetrieben, über deren tiefere Bedeutung und mögliche Bewertung noch längst kein gesellschaftlicher Konsens herrscht. Es scheint daher unabdingbar, frühzeitig Richtung und Konsequenzen der Forschung ethisch zu reflektieren. Wir sollten vermeiden, an Themen und Aspekten zu forschen, die nicht im Einklang stehen mit einem gemeinsam geteilten Grundverständnis vom Menschen und einem guten Leben – oder uns zumindest bewusst sein, was wir gerade tun.

Vorschläge

Wie also können wir sowohl den Anspruch der Moral als auch den auf Freiheit in der Wissenschaft verwirklichen? In diesem weiten Feld können folgende zwei Vorschläge einen Schritt zur Verbesserung bedeuten. Diese beruhen wiederum wesentlich auf zwei Gedanken: Dass die moralische Diskussion und Urteilsbildung die Forschung begleiten muss; sie darf weder zu spät noch zu früh beginnen, noch den realen Forschungsstand vernachlässigen. Außerdem sollte sie inklusiv stattfinden, das heißt, sowohl NaturwissenschaftlerInnen als auch GeisteswissenschaftlerInnen einbeziehen, im Idealfall darüber hinaus weitere Teile der Gesellschaft.

Um diese Ziele zu erreichen, sollten institutionelle Voraussetzungen geschaffen beziehungsweise verstärkt werden, damit die moralische Diskussion unter angemessenen Bedingungen geführt werden kann. Eine Möglichkeit dazu besteht darin, schon während der Planung von Forschungsprojekten eine Auseinandersetzung mit den moralischen Dimensionen des Projekts zu fördern – etwa indem man einen Abschnitt hierzu in den Finanzierungsanträgen fordert. Dabei ist entscheidend, dass diese von NaturwissenschaftlerInnen in Zusammenarbeit mit EthikerInnen verfasst werden.

Damit dazugehörige Treffen und die erwarteten Texte nicht nur als lästige Zusatzbürden empfunden werden, muss allerdings in der wissenschaftlichen Gemeinschaft selbst umgedacht werden: NaturwissenschaftlerInnen sollten erkennen, wie wichtig und bereichernd eine moralische Reflexion auf ihr Tun sein kann, und Leistungen von KollegInnen in dieser Richtung als solche anerkennen und wertschätzen. Spätestens für die kommende Generation sollte dies selbstverständlich sein. Allerdings muss sie darauf vorbereitet werden und das geschieht am besten dadurch, dass entsprechende Lehrveranstaltungen in die Curricula der Studiengänge aufgenommen werden; und zwar nicht nur als freiwillige Soft Skill-Kurse, sondern integriert in die obligatorischen Seminare und Praktika als selbstverständlicher Teil der Fachausbildung [→ Bildung]. Um das umzusetzen, sollte auch ein Umbau der Studiengänge und eine Ergänzung des wissenschaftlichen Personals nicht gescheut werden. Eine Stärkung des Mittelbaus, unter anderem durch unbefristete Verträge, ist ohnehin auch aus anderen Gründen nötig, etwa um den Existenzdruck aus der Arbeit zu nehmen. Darüber hinaus gehört zu einer umfassenden moralischen Diskussion auch die Einbeziehung der außeruniversitären Öffentlichkeit. Diese kann durch öffentliche Veranstaltungen erreicht werden sowie durch eine sinnvolle Verständigung mit JournalistInnen [→ Expertise, → Hype].

Inhaltlich sollte man sich im forschungsbegleitenden moralischen Diskurs einem Mittelweg widmen. Zwischen realitätsferner, spekulativer Ethik einerseits und selbstbeschneidender Ethik ohne Ausblick andererseits sollten aktuell interessante und handlungsrelevante Fragen ausfindig gemacht und diskutiert werden. Das sind nicht nur Fragen nach den Konsequenzen von visionärer Wissenschaft, sondern häufig nach den Gründen und Motivationen, die es zu diesen Visionen kommen lässt. Am Beispiel der Diskussionen um Neuro-Enhancement könnte man sich fragen, woher denn der Wunsch nach Leistungssteigerung überhaupt kommt, anstatt nur nach Vor- und Nachteilen dieser zu suchen. Es ist stark anzunehmen, dass die gegenwärtige Leistungsorientierung unserer Gesellschaft den fruchtbaren Boden dafür gebildet hat. Eine solche Einsicht kann am Beginn von Fragen dazu stehen, ob wir diese Ausrichtung der Gesellschaft für richtig halten – oder ob ihr gegenzusteuern ist. Damit könnten einige der Schreckens- wie Heilsvisionen, die mit den Erwartungen an die Wissenschaft verknüpft sind, verblassen und (moralischen) Erwägungen weichen, was etwa unser gegenwärtiges Leistungsverständnis betrifft.

Moralische Reflexionen über Wissenschaft zielen dann keineswegs auf eine Einschränkung von Forschung, sondern darauf, Anhaltspunkte für die Gestaltung von Forschung zu geben; und zwar auf der Grundlage einer gemeinsamen Verständigung darüber, wie wir leben und entsprechend verantwortlich handeln wollen.

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