Memorandum zur guten Lebenswissenschaft im 21. Jhd

Memorandum des Tutzinger Diskurses „gute Wissenschaft“

Was ist gute Wissenschaft? In unserer Zeit, in der es bereits so viel Wissen gibt und immer mehr entsteht, stellt sich diese Frage auf existenzielle Weise. Die moderne Wissenschaft prägt unser Menschenbild und ist Grundlage für Gesundheit und Wohlergehen der Menschheit. Auch die Entwicklung der globalen Gesellschaft ist auf immer komplexere Weise mit dem Fortgang von Wissenschaft und Forschung verwoben. Doch inmitten aller Differenzierung der Disziplinen behält kaum noch jemand den Überblick, wo und unter welchen Bedingungen Wissen generiert und überprüft wird.

Die traditionellen Kontrollmechanismen scheinen nicht mehr zuverlässig zu greifen, Betrugsfälle nehmen zu. Quantitative Bewertungsverfahren steuern zunehmend die Logik der Forschung und führen zu augenfälligen Fehlentwicklungen. Leistung, die sich nicht direkt messen lässt, verliert an Wert und hat sinkende Chancen, beachtet und finanziert zu werden. Sowohl Wissenschaftler als auch hochrangige wissenschaftliche Zeitschriften orientieren sich inzwischen vermehrt an der öffentlichen Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Aspekten, statt an einem wahrhaftigen und seriösen wissenschaftsinternen Diskurs. So fördern sie Hypes. Statt dem zentralen Wert der Freiheit der Wissenschaft zählen in wichtigen Disziplinen nun Verschwiegenheit und ökonomische Verwertbarkeit der Ergebnisse. Reputation überstrahlt Wahrhaftigkeit. Quantität schlägt Qualität.

Um diese rasanten Veränderungen der Forschung wie auch ihre gesellschaftlichen und politischen Risiken zu reflektieren haben sich Nachwuchs-WissenschaftlInnen diesen aktuellen Fragen gestellt. Im Rahmen eines interdisziplinären Diskurses, der 2012/2013 an der Akademie für Politische Bildung Tutzing stattfand und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde, haben junge Männer und Frauen aus den Disziplinen der Lebens- und Sozialwissenschaften, der Philosophie und der Journalistik sich mehrere Monate lang damit auseinander gesetzt, was „gute“ Wissenschaft unter den Bedingungen der modernen Wissensproduktion ausmacht und wie man diese stärken kann.

Als Ergebnis haben sie ein gemeinsames Memorandum verfasst, das konkrete Vorschläge für Verbesserungen, Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen enthält. Von den eigenen, zum Teil bedrückenden Erfahrungen im aktuellen Wissenschafts-Alltag geprägt haben sie sich den ihnen besonders wichtigen Aspekten gewidmet. Diese reichen von den Gründen für die vielfach fehlende Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse über die Bildung und Ausbildung guter WissenschaftlerInnen bis hin zu ethischen, sozialen und demokratietheoretischen Fragen – und der Rolle, die den Medien in der kritischen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zukommt.

So fordern sie von Forschungsförderung und Politik insbesondere, den Wissenschaftsbetrieb zu entschleunigen, damit nicht einfach möglichst viele Ergebnisse publiziert werden, – sondern möglichst sichere. Gute Wissenschaft brauche Freiraum, um Kreativität zu ermöglichen. Sie folge nur selten vorgeplanten Wegen und bedürfe gründlicher und daher oft langwieriger Überprüfung. Um Wissenschaft und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen müsse die Reflexion wissenschaftlichen Handelns stärker schon in die Schule, vor allem aber in die Lehre und die weitere Hochschullaufbahn verankert werden. Dies erlaube auch echte Teilhabe der Gesellschaft an wissenschaftlichen Erkenntnissen, und steigere außerdem die Vielfalt in der Forschung.

Das Memorandum ist auch als PDF-Datei verfügbar.

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