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Noble Wissenschaft

Nach herkömmlichen Kriterien bietet sich auf dem jährlichen Treffen der Nobelpreisträger in Lindau die Gelegenheit, wirklich „gute Wissenschaft“ kennenzulernen: Sie haben schließlich von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften das Prädikat verliehen, dass sie „im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Eine Veranstaltung, zu der man wohl automatisch mit etwas Skepsis reist. Schließlich können die großteils älteren Herren, die auf der Bodenseeinsel umgarnt und hofiert werden, die hehren Erwartungen ja kaum erfüllen. Oder doch?

Die Riege der Nobelpreisträger

Die Riege der Nobelpreisträger

Erfreulich war, dass die Preisträger fast ausschließlich vergleichsweise jung geblieben waren – und eine oft noch jugendliche Freude an Entdeckungen hatten. Sie steckten die circa 600 „young researcher“, die aus aller Welt angereist waren, mit ihrer Faszination für die Wissenschaft an – und sicherlich auch oft Journalisten oder die Zuschauer der Video-Aufzeichnungen. In vielen Vorträgen dominierten nicht die eigentlichen wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern die zugrundeliegenden Erkenntnisprozesse. So waren die meisten Redner bestrebt, ein großes Bild zu zeichnen, welches auch gesellschaftliche Fragen oder die persönlichen Herausforderungen der eigenen Karriere reflektierte.

Nobelpreisträger Richard Ernst im Gespräch

Nobelpreisträger Richard Ernst im Gespräch

Bemerkenswert waren insbesondere jene Lebensläufe, bei denen Wissenschaftler teilweise über Jahrzehnte an ihrer Idee festhielten – oft gegen erheblichen Widerstand, wie zum Beispiel die Chemie-Nobelpreisträgerin Ada Yonath. Als junge Wissenschaftlerin sah sie in einem Vortrag von einem Gastwissenschaftler erste Ergebnisse der Röntgenstrukturanalyse – eine Methode, bei der über Röntgenstrahlen die Struktur von Kristallen aufgeschlüsselt wird. Von diesem Ansatz war sie so fasziniert und überzeugt, dass sie sich vornahm, den Aufbau der vergleichsweise riesigen Ribosome zu analysieren, die in Zellen für die Produktion von Proteinen zuständig sind. Ein Ansatz, der lange Zeit für unmöglich gehalten wurde – und erst nach zwanzig Jahren zum vollen Erfolg führte.

Wie viele Wissenschaftler betonten braucht es hierzu Zeit und Geduld. Nicht nur die eigene, sondern auch die der Forschungsförderung und so der Gesellschaft, welche der Versuchung widerstehen muss, immer kurzfristige Ergebnisse zu fordern. Denn dies kann schnell zu Lasten der Kreativität und der Wissenschaft gehen, unterstrich der letztjährige Physik-Nobelpreisträger Serge Haroche betonte. Stattdessen sollte wieder vermehrt „blu sky research“ unterstützt werden, wie die Grundlagenforschung im Englischen genannt wird. Auch die jungen Wissenschaftler schlossen sich dieser Forderung oft an. So die Chemikerin Alisha Jones von der University of Washington, die an HIV2, einem in westlichen Gesellschaften kaum verbreiteten Subtyp des AIDS-Virus, forschen wollte – aber keine Stelle bekam.

Ein weiteres Problem, das oft genannt wurde, war die Fokussierung auf hoch renommierte Zeitschriften. Artikel, die sich später als zentral herausstellten, wurden mehrfach nur von „kleinen“ Journalen gedruckt. Damit verbunden ist auch der „publication bias“, dass nur erfolgreiche, positive Studien publiziert werden – da einerseits Wissenschaftler negative Studien nicht veröffentlichen, und – falls sie es doch versuchen – diese oft nicht von Zeitschriften angenommen werden. Ada Yonath machte sich dafür stark, auch unerwünschte Ergebnisse konsequent zu veröffentlichen, da nur so der Wissenschaft wirklich geholfen sei.

Auf konkrete Nachfrage zeigten sich jedoch mehrere Nobelpreisträger zurückhaltend – so würde es sich um zu viele handeln, als dass sie wirklich wahrgenommen werden könnten, wie Erwin Neher meinte. Hier wären neue Mechanismen nötig wie die Registrierung von wissenschaftlichen Studien vor ihrer Durchführung (siehe auch im Memorandum), was gleichzeitig verhindert, dass sie im Anschluss unter den Tisch fallen. Doch es wurde klar, dass konkrete Veränderungen von jungen Wissenschaftlern und der interessierten Öffentlichkeit gefordert werden müssen, denn von Seiten der Nobelpreisträger war auf diesem Gebiet wenig „drive“ zu spüren.

Für mich war es schön zu sehen, dass viele der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Wissenschaftler deutlich mehr Interesse an ihrem Forschungsobjekt zu haben schienen, als der eigenen Karriere – und sich vielfach durchgekämpft haben, auch gegen vorherrschende Meinungen auf ihren Feldern. Die Welt der Wissenschaft – und also auch unsere Gesellschaft – bietet durchaus Möglichkeiten, ungewöhnliche Entdeckungen jenseits der eingefahreren Wege zu machen, doch muss die Einzelne hierzu oft sehr viel Entschlossenheit mitbringen. Wie mehrfach in Gesprächen gesagt wurde, wird die Begeisterung an der Wissenschaft oft in der Schule entfacht. Daher ist es sehr wichtig, dass Forschung und Schule in Verbindung treten, wie wir es auch in im Rahmen des Tutzinger Diskurses diskutiert haben – und es auch von manchen Nobelpreisträgern praktiziert wird.

Hinweis: Das Kuratorium, das die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau organisiert, hat dem Autor über die Wissenschaftspressekonferenz im Rahmen eines Recherchestipendiums die Hotelübernachtungen während der Tagung erstattet.

Hinnerk Feldwisch-Drentrup

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